Kultur

Literatur Wunderhorn-Verlag widmet Friedrich Hölderlins „Heidelberg“-Gedicht eine lohnende Publikation

Handschrift von bleibendem Wert

Archivartikel

Ein Liebesbekenntnis an eine Stadt – sie steht schon in der ersten schriftlichen Fixierung von Hölderlins berühmter Ode auf Heidelberg am Beginn: „Lange lieb’ ich Dich schon“, heißt es da. Als „der Vaterlandsstädte / Landlichschönste“ bezeichnet der Dichter sie bereits hier, später fügt er bekanntlich den Wunsch hinzu, sie „mir zur Lust / Mutter“ zu nennen, um sich in der Stadt also ein ganzes Elternpaar herbeizusehnen.

Viel Pathos ist im Spiel und noch mehr Gedanken, kulturgeschichtliche Assoziationen, Sprachkraft, die sich nicht zuletzt dem besonderen, das Ideal einer Versöhnung nahelegenden Zusammenspiel von Natur und Kultur widmet, das Hölderlin wie unzählige andere an der Lage der Stadt beeindruckt hat. Im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg ist derzeit eine Kabinett-Ausstellung zu sehen, die sich dem Verhältnis des vor 250 Jahren geborenen Dichters zu der Stadt am Neckar widmet. Im Zentrum dabei: die Anfang des 20. Jahrhunderts von der Stadt erworbene Handschrift der Ode, auf der die Schlussstrophen noch fehlen, in der dafür aber noch später getilgte autobiografische Anspielungen zu finden sind. Begleitend zur Ausstellung ist im Wunderhorn-Verlag nun eine mit Erläuterungen versehene Faksimileedition des Gedichtentwurfs erschienen, die auch für sich allein von bleibendem Wert ist.

Neben dem Faksimile der Handschrift macht sie die Phasen der Niederschrift nachvollziehbar; auf vier fortlaufenden Seiten werden sie nebeneinander und farblich voneinander abgehoben präsentiert. Herausgegeben hat sie der Heidelberger Germanistikprofessor Roland Reuß in Zusammenarbeit mit der Germanistin Marit Müller. Reuß’ Name verbürgt allein schon die Qualität, denn nicht nur hat er Hölderlin vor Jahrzehnten seine umfangreiche Dissertation gewidmet, er ist auch als maßgeblicher Editionsphilologe hervorgetreten mit Werkausgaben von Kleist und Kafka. Reuß hat auch die Ausführungen über die Geschichte der Handschrift verfasst.

„Fröhliche Gassen“

Das alles lädt dazu ein, das Gedicht erneut und immer wieder neu zu lesen, ihm nachzusinnen, vielleicht im direkten Abgleich mit lokalen Gegebenheiten – der „leicht und kräftig“ über den Neckar schwingenden „Brücke, die von Wagen und Menschen rauscht“, den „fröhlichen Gassen“, dem zunächst, aber noch nicht im Entwurf, „gigantische(s) Bergschloss“ genannten Gebäude, das der Dichter später als „gigantische, schicksalskundige Burg“ bezeichnen wird. Oder aber man ist dabei ganz frei, so dass örtliche Besonderheiten rein in der Fantasie erstehen. Man darf so oder so gewiss sein, dass nicht nur Lokalpatriotismus dazu einlädt – kein Geringerer als Eduard Mörike empfand das Gedicht als das schönste Produkt von Hölderlins lyrischer Fantasie.

Mit der neuen Publikation erhält die detaillierte Beschäftigung damit eine bibliophile und philologisch fundierte Ergänzung. Das ist dann allerdings eher ein Studieren als reines Lesen – aber einem Dichter wie Hölderlin allemal angemessen.

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