Kultur

Literatur regional Andrea Willigs Debütroman „Die Eule“

Heidelberg in vier Jahrzehnten

Archivartikel

Die Geschichte beginnt scheinbar ruhig: Clea bittet ihre Mutter Toni, die Protagonistin des Romans „Die Eule“, am letzten Tag vor ihrer Abreise nach Barcelona das rote Buch „Mama, erzähl mal“ auszufüllen. Zwei Semester sei sie weg, zwei Semester lang solle Toni über den schönsten Tag ihrer Kindheit, ihre Träume und über Cleas verstorbenen Vater schreiben.

Wochen vergehen, das Buch liegt zwischen einer Eulenskulptur und einem Pappmaché-Stier. Und Toni? Kann sich in der stillen Wohnung zu nichts aufraffen. „Dabei kommen die Erinnerungen an früher ganz spontan“, erzählt sie. Wann immer ihr das rote Buch ins Auge falle, blitze etwas auf – aus einer Zeit als kleine Ausreißerin. Bilder, die stark und unmittelbar seien, gleichzeitig fern, „fast als seien es nicht meine eigenen, sondern die eines anderen Kindes, eines mutigen, eigensinnigen, das ich gut kannte, doch im Lauf der Jahre vergessen habe“. Und bevor sie es wirklich merkt, taucht Toni in die Vergangenheit ein.

Rebellische Zeiten

In einfacher Sprache, mit viel Witz, Tiefe und Tempo zieht die Autorin Andrea Willig die Leser in die Lebensgeschichte der 55 Jahre alten Protagonistin Toni hinein. Es geht um Liebe, Freiheit, Sehnsucht, drohende Krankheiten, um Identität und ihre Brüchigkeit. Und auch um die „kleine Ausreißerin“ Toni, die mit elf Jahren von zu Hause wegläuft und davon träumt, Ärztin zu werden.

Als Junge getarnt, findet sie sich inmitten einer rebellischen Zeit wieder – Heidelberg in den frühen Siebzigerjahren. „Die Eule“ fängt den Zeitgeist von vier Jahrzehnten ein – mal spielt sich die Geschichte im Jahr 1972 ab, mal 1981 oder 2016 – und entwirft ganz nebenbei ein buntes Porträt von Heidelberg. Vorbei an der Altstadt, der Kurfürsten-Anlage, der Unteren Straße und dem Marktplatz – im Jetzt und Damals. Willig selbst studierte in den 1970er Jahren selbst in dieser Stadt. Nach dem Examen in Literatur, Linguistik und Philosophie reiste sie viel. Heute lebt sie wieder in Heidelberg. „Die Eule“ ist ihr erstes Buch.