Kultur

Musiktheater

Heidelberg zündet mit „Summernight-Dreamers“ eine skurrile Show - Gefangen im Gespinst ihrer Träume

Archivartikel

Heidelberg.Ach ja, die Verwirrung der Gefühle. Warum soll es im Traumland der Elfen anders sein als im wahren Leben, zumal ein Königspaar völlig von der Rolle ist und Gott Hymen lieber in der Küche werkelt, als dass er seinen Pflichten als Ehehelfer nachkäme? Aus diesem Stoff hat das Theater Heidelberg eine skurrile Bühnenshow zusammengefügt, in der Generalmusikdirektor Elias Grandy die Musiken von Henry Purcell, Benjamin Britten und des Zeitgenossen John Casken ineinander verschränkt und auf ihre imaginative Tauglichkeit gegeneinander abwägt. Regisseurin Andrea Schwalbach und Operndirektorin Ulrike Schumann ihrerseits nähen in gegenseitiger Befeuerung dazu ein witziges Patchwork an Gedanken und Szenen, wobei die Poesie ebenso ad absurdum  geführt wird wie auch die Handlung eher im Nonsens-Land angesiedelt ist.

Also nur Verwirrung der Gefühle und komödiantischer Spuk? Nein, vielmehr wurde daraus ein Bühnen taugliches, musiktheatralisches Erlebnis gezimmert, das Auge und Ohr gleichermaßen bedient. Auf der Bühne (Anne Neuser) im nächtlichen Dämmerlicht – oben summen anfangs die  Elfen ihr unverständliches Mantra, während unten in Kammern der Drehbühne Königspaar, plus Herr Hymen nicht so recht wissen, was sie in ihrer Wirrnis tun – gerät im Grunde alles durcheinander. Die Königin will sich umbringen, der König verfällt der Idee, als Turmuhrwächter andauernd die Zeit weiterdrehen zu müssen, Hymen weiß ohnedies nicht, was eigentlich zu schaffen hat, und eine Elfe will nicht mehr Elfe sein, sondern sich richtig menschlich verlieben. Alexandre Corazzola steckt das Personal in lustige Kostüme, auf dass ein kunstvolles, szenisches Gewebe adäquate Optik erfährt. Elfen in duftigen Ballett-Röckchen, ein König im Schlafrock, Frau Königin im Nachtkleid, Hymen von zwei Flügelchen beflügelt und dennoch erdgebunden. Am Garderobenständer könnten sie sich zudem bedienen.

Musiziert wird aus dem Graben heraus in kleiner, gleichwohl stringenter Besetzung. Elias Grandy hat das im Griff und die Musiken plastisch arrangiert. Gesungen wird auf hohem Niveau. Wir hören als Elfe Nummer eins den attraktiven Koloratursopran von Jenifer Lary. Wenn sie ihren Sehnsüchten Ausdruck gibt. Bassbariton Pascal Zurek (König) ist in der Küster-Arie von John Casken sehr präsent, während Zlata Khershberg der Königin mit ausdrucksstarkem Mezzo nahegehende Züge verleiht. Ipča Ramanović hat für den zögerlichen Hymen einen fein geführten Bariton parat.  João Terleira und Katarina Morfa komplettieren sensibel das Elfen-Terzett, und das Ensemble insgesamt überzeugt durch Spielfreude. Denn Andrea Schwalbach fordert den Akteuren  viel ab, bis hin zu einem Durcheinander wie in einem Hühnerhaufen, ehe sie sich wieder beruhigen dürfen und im irisierenden Schwebezustand dieser Produktion zu verbleiben.

Das Premierenpublikum, vorbildlich Corona geordnet, war sehr angetan von diesem Sommernachts-Spuk. Das Theater lebt, wir auch.

Nächste Vorstellungen: 10., 11., 18., 20. und 31. Oktober, sowie 13. und 14. November.

Karten: 06221/5820000.