Kultur

Kunst Rudolf Schlichters Porträt von 1928 war lange Zeit verschollen und wurde nun im Berliner Auktionshaus Grisebach versteigert

Helene Weigel ist noch immer attraktiv

Sie ist nicht nur für die Nachkriegsgeneration das Gesicht des Epischen Theaters geworden. Und genauso wenig ist das sachlich-schnoddrige Bertold-Brecht-Porträt des Malers Rudolf Schlichter ohne das Pendant der Helene Weigel zu denken. Doch lange galt ihr Bildnis als verschollen, bis es in diesem Jahr wieder aufgetaucht ist und nun im Berliner Auktionshaus Grisebach für 600 000 Euro unter den Hammer kam.

Dabei dürfte das für 1,5 Millionen Euro versteigerte Exilbild "Braunes Meer mit Möwen" (1941) von Max Beckmann der Höhepunkt dieser Auktion sein. Beide Bieter blieben übrigens anonym. Doch um die Weigel rankt sich eine ganz besondere Faszination aus den Wirren der "goldenen Zwanziger". Das Bild zeigt Helene Weigel als Schauspielerin, genauer gesagt als Kantinenbesitzerin Leokadja Begbick aus dem Lustspiel "Mann ist Mann" von Brecht.

Bildnis einer emanzipierten Frau

Kreist das Stück um die Auswechselbarkeit des Einzelnen im Kollektiv, so lässt sich der intensive Blick der Schauspielerin als ernste Versenkung in eine Welt deuten, die keinen Platz mehr für die menschlichen Bedürfnisse hat. Die Weigel verkörperte das linke Ideal einer emanzipierten Frau, und das Porträt weist sie als solche aus.

Wie sie stand auch Rudolf Schlichter den sozialkritischen Tendenzen der Zeit nahe, was ihm bei der Beteiligung an der Dada-Schau von 1920 mit Georg Grosz und John Heartfield eine Anklage wegen Beleidigung der Reichswehr einhandelte. Mit seinem kritisch-realistischen Stil gehört er zweifelsohne neben Otto Dix, Christian Schad und Georg Grosz zu den großen Vertretern der "Neuen Sachlichkeit", an deren gleichnamiger Ausstellung er 1925 in Mannheim teilnahm.

Sein Bildnis der Weigel zieht viele Spuren aus der unruhigen Berliner Theatertagen der 20er Jahre nach sich und spätestens 1929 gehörte das Porträt dem Schauspielerkollegen Alexander Granach, der das Bild 1933 treuhänderisch seiner Lebensgefährtin Lotte-Lieven-Stiefel übergab und wie die Weigel ins Exil floh.