Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Helfer sichtbar machen

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

die Universität Mannheim leistet derzeit einen immensen Beitrag, um besser durch diese Krisenzeit zu steuern: Die viel beachtete Corona Studie wird nun bundesweit zitiert und zeigt die Notwendigkeit von Datenerhebungen, um negativen Entwicklungen frühestmöglich entgegenzuwirken, so sieht man bereits jetzt eine ungleiche Verteilung der Hausarbeit oder den Rückzug vieler Frauen aus dem Erwerbsleben.


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Diese Erhebungen schaffen jedoch auch ein Problem: Sie lenken das Augenmerk auf jene Bereiche der Gesellschaft, die sie vermessen, und viele andere geraten in den Hintergrund. Am Sonntag fuhr ich zwischen Mannheim und Schwetzingen an den Feldern vorbei, und sah die Erntehelfer, die eigens für uns und den Spargel eingeflogen worden waren, Sonntagsarbeit leisten. Man hört normalerweise nicht viel über ihre Arbeits -und Lebensbedingungen. Gibt es Studien zu diesen Menschen, die ihre Familien in solchen Zeiten zurücklassen? Gab es überzeugende Erklärungen dafür, weshalb man in Deutschland keine Erntehelfer für diese Zeit gefunden hat? Gibt es hier Arbeit, die keiner mehr leisten will, und wäre es nicht wichtig, dann sichtbar zu machen, wer diese Arbeit leistet in Deutschland? Das könnte die Migrationsdebatte erhellen, weil es zeigt, wie sehr die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft auf Einwanderung angewiesen ist.

Eine andere Gruppe, von der ich leider nichts lese in dieser Krise: Hunderttausende Frauen aus Osteuropa sind in Deutschland als Pflege- und Haushalthilfen im Einsatz. Zurecht wird derzeit die mangelnde Wertschätzung der Pflegekräfte kritisiert, doch es gibt Schattenphänomene der Pflege, die derzeit nicht erforscht oder beklagt werden. Einige dieser Pflegerinnen beschrieben schon vor Corona ihre Arbeit als „Sklavendasein“, die Dunkelziffer unter diesen Pflegekräften ist hoch, Schätzungen gemäß könnten es gar 300.000 Menschen sein. Sie erzählen auch von deutschen Familien, die sich eine 24-Stunden-Betreuung ihrer Verwandten nicht leisten können. Ende März entschied das Bundesinnenministerium: Die osteuropäischen Betreuungskräfte dürfen trotz Corona die Grenze passieren. Wie ergeht es ihnen seither? Wer nicht statistisch vermessen wird, taucht derzeit nicht auf, umso wichtiger ist es, die Geschichten dieser Menschen zu erzählen, damit sie sichtbar werden. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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