Kultur

Nachruf Der US-amerikanische Künstler John Baldessari ist im Alter von 88 Jahren in Santa Monica gestorben

Herausragenden Mut zur Lücke bewiesen

Wie verändert sich ein Bild, wenn Teile entfernt oder überdeckt werden? In Fotografie, Malerei und Text stellte John Baldessari die Funktionsweise künstlerischer Medien in Frage und kommentierte die Gesellschaft dabei schmunzelnd. Nun ist er – bereits vergangenen Donnerstag, wie seine Stiftung am Sonntag bekannt gab – im Alter von 88 Jahren gestorben.

Der Kalifornier zählte zu den einflussreichsten Künstlern der Gegenwart. 2009 erhielt er für sein Lebenswerk den Goldenen Löwen der 53. Biennale von Venedig. Drei Jahre später wurde ihm der Kaiserring der Stadt Goslar verliehen, einer der weltweit wichtigsten Preise für moderne Kunst. Der damalige US-Präsident Barack Obama zeichnete Baldessari im September 2015 mit der National Medal of Arts (für 2014) aus, der höchsten Würdigung der US-Regierung für Künstler.

Mit skurrilen Collagen und unerwarteten Bildkompositionen konnte der weißbärtige Zwei-Meter-Mann bei so manchem Betrachter ein Lächeln hervorrufen.

Meister des spöttischen Tons

Doch auf den zweiten Blick setzte bei vielen Verwunderung ein, wenn das Radikale an Baldessaris sichtbar wurde. Sein spöttischer Ton galt nicht selten der Kunstwelt und dem modernen Kunstbetrieb. Er wolle entschleunigen und zu neuen Blickweisen auf die Welt anregen, sagte er dem Radiosender NPR 2013. Eine Frische und Relevanz bewahrte er sich auch nach den über 1000 weltweiten Gruppen- und 200 Einzelausstellung seiner Karriere. Die Kunst der Lücke wurde dabei zu Baldessaris Taschenspielertrick. „Manchmal entfernt er das Ding, das am offensichtlichsten mitten in deinem Blickfeld liegt, zwingt dich, fast zum ersten Mal alles andere anzugucken, um einen neuen Sinn für das Gesehene zu schaffen“, fasste Michael Govan, Direktor des Los Angeles County Museum of Art (LACMA) zusammen. Genau das bedeute Konzeptkunst schließlich, zu dessen wichtigsten Vertretern Baldessari zählte: Der Künstler legt dem Publikum nur die Idee vor, erst im Kopf des Betrachters wird sie zur Kunst.

Die Kunst schien ihn erst ins Nirgendwo zu führen – Baldessari hatte keine Galerie, kein Publikum, keine Käufer.

So verbrannte er 1970 nahezu alles, was er vorher erschaffen hatte, und versprach sich selbst den Neuanfang: „Ich werde keine langweilige Kunst mehr machen“, heißt sein Film von 1971 übersetzt, in dem er diesen Satz wieder und wieder aufschreibt, bis das Band ausläuft.

Weites Betätigungsfeld

Sein Abschied von der Malerei war ein Tod seiner alten Kunst – die Asche bewahrte er in einer Urne auf - und eine Neugeburt in der Fotografie und anderen Medien. Baldessari versuchte sich in fast jedem künstlerischen Medium, darunter auch in Performances, Videos und an einer Smartphone-App.

Geltende Regeln und das Grundverständnis darüber, wie ein Medium funktioniert, hebelte er regelmäßig aus. Humor war dabei nie Selbstzweck, sondern Trittstein zum Nachdenken über die Weise, wie Menschen die Welt betrachten. dpa

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