Kultur

Premiere Freilichttheater Niederstetten mit rundum gelungener Inszenierung von „Kohlhiesels Töchter“ / Bemerkenswerte Leistungen der Amateurspieler

Herrlich schräg, bunt und detailgenau

Mit 24 Schauspielern wagte sich Regisseur Ulrich Schulz nach dem gefeierten und preisgekrönten „Sommernachtstraum“ von Shakespeare vor zwei Jahren auf der Freilichtbühne im Tempele in Niederstetten jetzt an den Bauernschwank „Kohlhiesels Töchter“ von Hanns Kräly. Der Autor hatte auch das Drehbuch für Ernst Lubitschs Verfilmung 1920 geschrieben. Erfolgsbringer Shakespeare schwebte weiterhin über dem Tempele, denn das Theaterstück war ursprünglich eine Parodie von „Der widerspenstigen Zähmung“.

Original bekommt lokale Bezüge

In Niederstetten tat man gut daran, das Original-Drehbuch der unverwüstlichen Neuverfilmung von 1962 zu übernehmen und mit lokalen Bezügen aufzupeppen. So konnte man statt Liselotte Pulver in der Doppelrolle der zwei ungleichen Zwillingsschwestern im Tempele die formidable Sylvia Thomas mit heimischem Dialekt als kratzbürstige Susi und Julia Schmitt als liebreizende, männerbetörende Liesel erleben, die zuweilen zusätzlich noch in fünffacher Ausfertigung in den gleichen Kostümen singend und tanzend über die Bühne wirbelten.

Die Filmrolle von Helmut Schmid als Liesels Freund Toni brachte Michael Hau rustikal-couragiert auf die Bühne, während die Rolle von Dietmar Schönherr als liebeshungriger Günter von Michael Weber-Schwarz „mit Köpfchen“ ausgefüllt wurde.

Die Rolle des weniger lüsternen als geldgierigen Rolf – der unvergessene Peter Vogel im Film – spielte Ringo Wunderlich, der im Verlaufe der Komödie deutlich an Statur gewann.

Es war zum wiederholten Mal bemerkenswert, was alle Amateurschauspieler zum Vergnügen des Premierenpublikums, das die tänzerischen und musikalischen Einlagen mit Zwischenapplaus bedachte, auf die Bühne zauberten.

Zwei Inserate kreuzen sich

Die Geschichte des Gasthofbesitzers Kohlhiesel, gespielt von Elly Ehrmann in einer Hosenrolle, war für das amüsierte Publikum leicht zu verfolgen. Die Mutter der beiden Töchter hatte am Sterbebett verfügt, dass Liesel erst heiraten darf, wenn die störrisch-zänkische Susi unter die Haube gebracht wurde. Diese setzt schnell ihr nicht passende Kellner und Knechte auf die Straße und muss gleich wieder inserieren, um neue Arbeitskräfte anzuheuern. Ihr Inserat kreuzt sich aber mit der Anzeige des Vaters, der heiratswillige Kandidaten für Susi sucht. Schwer ins Auge zu gehen drohte ein scheinbar cleverer, tatsächlich aber sehr eigennütziger Rat von Günter an Toni, wie er über eine pro forma Heirat mit Susi dann an seine Favoritin Liesel kommen könne. Turbulenzen und Verwechslungen waren also vorprogrammiert, die vom sangesfreudigen Ensemble in pfiffigen, häufig gewechselten Kostümen mit unbändiger Spielfreude umgesetzt wurden.

Starke Szenen gab es im „Tempele“ reichlich. Gleich zum Auftakt mogelte sich der finanziell klamme – und hungrige – Günter unter falschem Namen als Juror in die Abschlussprüfung einer Hotelfachschule, wo seine Teller schneller wieder abgeräumt wurden, als er schauen konnte; dafür traf er zum ersten Mal auf die Absolventin Liesel.

Köstliche Melkanleitung

Herrlich schräg war der Auftritt von acht heiratswilligen Kandidaten, die auf Liesel und den Kohlhiesel-Hof scharf waren, dabei auf die kratzbürstige Zwillingsschwester Susi trafen, die alle vom Hof jagte – bis auf den cleveren Rolf, den Stadtmenschen. Köstlich war die Szene mit Ringo Wunderlich, als die Gebrauchsanleitung studierte, um eine Kuh fachgerecht zu melken.

Gezielt setzte die Inszenierung mit eingespielten Songs Kontrapunkte zum Geschehen auf der Bühne. So in der turbulenten, völlig missratenden Hochzeitsfeier mit dem betrunkenen Toni, der seiner frisch angetrauten Susi übel mitspielte: dazu gab es genüsslich die Roy Black-Schnulze „Ganz in Weiß“ auf die Ohren. Nicht fehlen durfte die weniger sängerisch, dafür choreografisch umso gelungener vorgetragene Gesangsnummer „Nimm du sie, die Susi“. Fast schwindelig wurde es den Zuschauern angesichts des Tempos, mit dem sich Kneipenszenen, wüste Schlägereien und das aus den Fugen geratene Hochzeitsfest auf der Drehbühne mit der kitschig-farbenbunten Gasthaus-Fassade abspielten.

Unglaublich schnelle Wechsel

Allerhöchste professionelle Ansprüche erfüllten dabei der unglaublich rasche Wechsel der Kostüme (Isolde Menikheim, Doro Landgraf, Christian Steiner mit Team) und die maßgeschneiderten Outfits bis hin zu Frisuren und Masken (Rose Hagelstein-Jesse); etwa beim Auftritt eines Schwarms chinesischer „Heuschrecken“, die als potenzielle Investoren auf Einladung des voreiligen Rolf im Hof einfallen.

Erst nach der Pause kam die Beleuchtung (Martin Scheu) so richtig zur Geltung. Dem reiferen Publikum wurde an diesem Abend schmunzelnd bewusst, wie sehr sich das Männer- und Frauenbild in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Das bestens harmonierende Ensemble verbreitete mit dieser Aufführung uneingeschränkt gute Laune. Auch dieses Ziel war legitim und eine willkommene Abwechslung zu den überbordenden, tagtäglichen Schreckensmeldungen aus aller Welt.