Kultur

Frankenfestspiele „Glorious“ sorgt auf der Burg Brattenstein für beste Unterhaltung

Herrlich schräge Komödie

Archivartikel

Mit der von Dietmar Horcicka herrlich schräg inszenierten Komödie „Glorious!“ in zwei Akten von Peter Quilter, die jetzt bei den Frankenfestspielen Röttingen auf Burg Brattenstein ihre gut besuchte Premiere erlebte, hat Intendant Lars Wernecke für das Freilichttheater ein selten gespieltes Werk ausgegraben. Zwei Stunden wird beste Unterhaltung geboten, weil das sechsköpfige Ensemble mit witzigen Dialogen und Situationskomik reichlich die Lachmuskeln zu strapazieren versteht.

Königin der Dissonanzen

Erzählt wird die wahre Geschichte von Florence Foster Jenkins, die sich als Sängerin mit 76 Jahren einen Lebenstraum erfüllt und 1944 vor 2500 Zuhörern in der Carnegie Hall Arien singen darf, obwohl sie nur gelegentlich einen Ton trifft, den sie dann aber nicht halten kann. Ihr tapferer Klavierbegleiter Cosme McMoon versucht vergeblich auszubügeln, was nicht mehr zu retten ist.

So unerschütterlich ist ihr Selbstbewusstsein als „wahre“ Künstlerin, dass Foster Jenkins zum Höhepunkt im Engelskostüm mit Flügeln und Heiligenschein nebelumhüllt auf der Bühne Mozarts Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ aus der Oper „Die Zauberflöte“ zum Besten gibt; die Menge tobt vor Heiterkeit, als sie sich mehr quietschend und kreischend als singend durch das Stück quält. Der Ruf als schlechteste Sängerin der Geschichte verschafft ihr sogar einen Eintrag im „Guinnessbuch der Rekorde“.

Dieser Höhepunkt ihrer Karriere, den sie nur um wenige Wochen überlebte, wird im Burghof einfühlsam nacherzählt, ohne dass Fensterscheiben zu Bruch gehen.

Der zu Beginn mehr als skeptische Pianist Cosme McMoon bringt es von Anfang an trotz mehrerer Fluchtgedanken nicht übers Herz, der leidenschaftlichen Sängerin abzusagen. Mehr und mehr zeigt er Respekt vor ihrer Hartnäckigkeit und der Fähigkeit, jede Kritik konsequent auszublenden. So ergeht es auch ihrer Entourage mit ihrem Hausfreund St. Claire Bayfield und der Freundin Dorothy.

Trockener Humor

Im ersten Akt lebt die Aufführung von den gegensätzlichen Auffassungen der Sängerin und des Pianisten, der mit trockenem Humor zu punkten versteht. Foster Jenkins erzählt von ihrem Vater, der ihr zwar Klavierunterricht geben lässt, sich in realistischer Einschätzung ihrer sängerischen Qualitäten aber weigert, ihr eine Ausbildung als Sängerin zu finanzieren.

Als sie sich dann doch mit dem Erbe ihres verstorbenen Vaters den Lebenstraum erfüllen kann und 1912 ihr erstes Konzert gibt, lässt der Kommentar des Pianisten nicht lange auf sich warten: „ . . . in dem Jahr, als die Titanic sank“. Auch sonst hält er mit seiner Bewunderung für ihre sehr strapazierfähige Kehle nicht hinterm Berg.

Nachgespielte Anekdoten

Angereichert wird das Stück mit nachgespielten Anekdoten wie den skurrilen Auftritt im Ritz-Carlton vor handverlesenen Gästen. Die heiß begehrten Karten vergab Foster Jenkins höchstpersönlich. Nicht fehlen darf auch der Autounfall, nach dem sie plötzlich vermeintlich stimmlich an Höhe gewonnen zu haben glaubte und dem Unfallverursacher eine Kiste teurer Havanna-Zigarren zukommen lässt.

Seinen Traum leben

Immer wieder gibt es Zwischenapplaus für die „gelungenen“ Gesangseinlagen von Susanne Jansen, die in der Rolle als extrovertierte Florence Foster Jenkins überzeugt, weil ihre Bühnenpräsenz besticht und sie in keiner Phase in die Karikatur abgleitet. Gerade für eine mit einem glockenhellen Sopran ausgestattete Sängerin ist es eine besondere Herausforderung, absichtlich und zugleich überzeugend falsche Töne von sich zu geben.

Vor der „Königin der Nacht“ beglückt Susanne Jansen mit der kompletten Arie „Mein Herr Marquis“ und einem in höchster Tonlage zu singenden spanischen Musikstück. Ihr Klavierbegleiter in der Rolle von Cosme McMoon ist Pascal Simon Grote, der das Spiel von mehr Schein als Sein schon mit einem Keyboard mitspielt, das – mit dem Gehäuse eines Flügels verkleidet – zugleich als Hausbar mit Sherryweinen herhalten muss.

Eigentlich verträgt der Sherry keine Erschütterungen, aber es geht insgesamt im Haushalt der Künstlerin sehr rustikal und unberechenbar zu.

Hausfreund

Dafür sorgt Petra Friedrich als mexikanische Haushälterin Maria, die mit Kochlöffel bewaffnet, brennender Zigarette im Mundwinkel mit quietschendem Servierwagen erscheint und ungenießbaren Tee serviert. Thomas Henninger von Wallersbrunn gibt den Hausfreund und erfolglosen Schauspieler St. Claire Bayfield, der gerne allen Röcken nachstellt und dann als vermeintlich Verblichener bestattet werden soll. Quicklebendig schlägt seine Stunde als Komödiant bei der Beerdigung des Pudels von Dorothy.

Grenzenlose Naivität

Die Freundin von Florence spielt Eva Mannschott mit grenzenloser Naivität und unverbrüchlicher Freundschaft zur Sängerin, für die sie den „Ball der silbernen Feldlerchen“ organisiert.

Gerne erzählt sie von dem Ereignis, als der Hund den unerträglichen Gesang von Florence mit der Verwüstung des Appartements beantwortet. Man wird an Struppi, den Comic-Hund von Tim erinnert, der den exzessiven Gesang der berühmten Operndiva Bianca Castafiore nur mit viel Gejaule ertragen kann.

Für eine Schrecksekunde in der ausufernden Gefühlsseligkeit sorgt Christine Zart als schonungslose Kritikerin Mrs. Verindah Gedge, die aus dem Zuschauerraum auf die Bühne springt und den gnadenlosen Gesang und die Realitätsferne anprangert.

Mit einem leisen Anflug von Selbsterkenntnis blickt Florence auf ihre Laufbahn und ihre Kritiker zurück: „Die Leute können sagen, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann sagen, dass ich nicht gesungen habe.“