Kultur

Burgfestspiele Love-Rock-Musical „Hair“ zum Auftakt

Hippie-Show gegen den Krieg

Es passte damals in die Zeit. Die sogenannte 68er-Generation fand sich in ihm bestätigt, als im Oktober 1967 die New Yorker Off-Broadway-Premiere war und ein Jahr später die deutsche Erstaufführung im Münchner Theater an der Brienner Straße stattfand. Inzwischen sind rund 50 Jahre vergangen und das Werk hat reichlich Patina angesetzt, wenn auch einige Themen noch immer aktuell sind, wie etwa Luftverschmutzung, Drogen und Generationenkonflikte. Zum Auftakt der 89. Spielzeit der Burgfestspiele Jagsthausen steht „The American Tribal Love-Rock-Musical“ mit dem Titel „Hair“ auf dem Programm.

„Make love, not war“ oder mit Liebe gegen den Krieg: Das ist der Tenor des ursprünglich als Hippie-Show kreierten Musicals „Hair“, zu dem James Rado sowie Gerome Ragni die Texte und Galt MacDermot die Musik geschrieben haben. Das Blumenkinder-Dasein, in dem Liebe, Glück und Freiheit des Einzelnen dominieren, wird als mögliche Lebensform gezeigt. Dabei werden einerseits ein künstlerischer Anspruch erhoben, andererseits ein soziales Anliegen apostrophiert. Musikalisch bestimmen Rock-‘n’-Roll-Klänge das Geschehen, die Rhythmen der afro-amerikanischen Schule dominieren, zuweilen brechen sich aber auch leisere Sentimentalitäten Bahn.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Claude, der den sogenannten Wassermann-Mythos verkörpert, der den Wehrdienst verweigern will, der mit seinen Eltern Schwierigkeiten hat und der zum Schluss erklärt, er komme von einem anderen Stern, und Berger, der Anführer der „Tribe“, der von der High School geflogen, nun die Hippie-Freiheit lebt, der Vater eines Kindes ist, das die Studentin Sheila erwartet, die die Gruppe animiert, Poster für einen Protestmarsch anzufertigen. Das sind nur ein paar Anhaltspunkte für den Handlungsfaden, der einerseits etwas verworren und andererseits nicht gerade als dominierender roter Faden zu erkennen ist. Denn in erster Linie sind in „Hair“ lose Szenen und Songs aneinander gereiht, in denen zu Recht Toleranz gepredigt und für den Frieden eingetreten wird, in denen aber zu Unrecht auch für und nicht gegen Drogen Stellung bezogen wird.

Vier große, zwei kleine Podeste, dazwischen Treppen und fünf Beleuchtungsmasten im Burghof vor dem Torbogen, das ist das Bühnenbild von Yvonne Marcour und Sabine Kohlstedt, in dem die Götzenburg keine Rolle spielt. Für die bunte Kostümierung der Mitwirkenden zeichnet Volker Deutschmann verantwortlich.

Die achtköpfige Band, unter der musikalischen Leitung von Andreas Binder, findet auf dem Wehrgang Platz und bringt die Musik, den Intentionen der Komponisten gemäß, zu Gehör. Regie führt Franz Joseph Dieken, nicht unwesentlich unterstützt von dem Choreographen Sven Niemeyer. Da gibt es Auf- und Abtritte durch den Torbogen, ebenso durch den Mittelgang der Zuschauertribüne auf dem auch gespielt wird. Auf den Podesten wirbeln die Tänzer durcheinander, gesungen und gespielt wird dort zumeist „en face“ zu den Besuchern. Polizisten gehen gegen die Blumenkinder vor. Ku-Klux-Klan-Gestalten bevölkern schon einmal die Szene. Und weil man vielleicht die Aktualität des Ganzen unterstreichen will, vielleicht aber auch nur als theatralischer Gag, treten Donald Trump, gleich in mehrfacher Gestalt, mit Ehefrau Ivana, auf und selbstverständlich hört man dann auch dessen programmatisches „America first“.

Von den Solisten, zu denen noch ein Chor und Statisten kommen, gewinnt kaum einer individuelles charakteristisches Profil. Das liegt zum einen an der Vorlage, aber auch daran, dass „Hair“ in Jagsthausen im Stil der ursprünglich konzipierten Hippie-Show gezeigt wird, bei der vor allem, von einigen Passagen abgesehen, Lautstärke Trumpf ist. So singt und spielt denn Martin Markert mit großem Engagement den blonden Berger in zerrissenen Jeans. David Wehle ist der eher weiche, für seine Ideale lebende und von deren Erfüllung träumende Claude mit Gitarre. Einerseits mädchenhaft, anderseits kämpferisch gibt Elena Otten die Sheila. In weiteren Hauptrollen treten Felix Frenken als Hud und Sebastian Smulders als Wood auf sowie Luisa Meloni als Jeannie und Valerija Laubach als Dionne.

Dieter Schnabel