Kultur

Konzert ZZ Top brausten in Bietigheim durch ihren Musik-Kosmos / Erstaunlich viele jüngere Fans im Publikum

Hitfeuerwerk in einer heißen Sommernacht

Archivartikel

Das ist Beständigkeit: Seit 50 Jahren in der gleichen Besetzung und damit die dienstälteste Band, die noch in der Urbesetzung rund um den Globus reist, seit nahezu 30 Jahren die gleiche Setlist, die sich nur marginal ändert – und wie immer ist das Konzert ein kurzweiliges, aber auch kurzes Vergnügen. In gerade mal 75 Minuten „brausen“ ZZ Top am Mittwoch beim Open Air am Enztalviadukt in Bietigheim durch ihren Musik-Kosmos.

Den zahlreich erschienenen Fans, die meisten Best-Agers um die 50 und älter, aber auch im Gegensatz zu den Gastspielen der letzten Jahre erstaunlich viele Jüngere in den Zwanzigern und Dreißigern, gefällt’s, und sie feiern die Band mit reichlich Beifall. Der Blues mit und ohne Bart macht schlichtweg Laune – eben wie immer.

Obgleich, wie immer stimmt hier nicht ganz. In den letzten Jahren gab es doch einige eher blutleere Auftritte, die bestenfalls das Attribut routiniert verdient hatten.

Herrliche Location

Die herrliche, gut gefüllte Location und die an ihre Heimat erinnernden Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius noch nach 21 Uhr lassen die „Little old Band from Texas“ jedoch zu großer Form auflaufen. Vor allem das Gitarrenspiel von Billy Gibbons ist in dieser heißen Sommernacht vom Feinsten.

Natürlich beginnen „ZZ Top“ mit einem Song ihres Erfolgsalbums „Eliminator“, auf dem sie den Blues gegen den Strich gebürstet und mit allerlei technischem Schnickschnack aufgepeppt haben. Zusammen mit den Videos auf MTV war die Band dann nicht mehr nur in der Blues-Ecke ein Begriff, sondern stürmte auch die Tanztempel. Der Blues und Boogie war plötzlich Disco-tauglich. Das Album verkaufte sich Millionen Mal und die Fangemeinde wuchs.

Doch „Under Pressure“ als Opener gerät noch etwas wackelig, dringt nicht druckvoll aus den Boxen in die Gehörgänge. Und er macht eines deutlich: Die Stimme von Billy Gibbons kann mit seinem famosen Gitarrenspiel nicht mehr mithalten, wirkt bisweilen ein wenig schwachbrüstig. Ganz im Gegensatz dazu das Organ von Dusty Hill, der seine Parts mit viel Power unters Volk pfeffert.

Doch mit dem zweiten Song „I thank You“ und den unverwüstlichen und lässig-groovenden Standards „Waiting for the Bus“ und „Jesus Just left Chicago“ spielt sich das Trio frei. Der Sound stimmt jetzt, ist klar und voluminös. Schlagzeuger Frank Beard treibt seine beiden Kollegen an, und mit „Gimme all your lovin“ feuern sie ihren größten Hit als fünften Song ins Publikum, das sich nicht lange bitten lässt und trotz der Hitze in Bewegung gerät.

Billy Gibbons Gitarrenspiel dominiert natürlich die Songs. Und er zeigt einmal mehr eindrucksvoll, dass Geschwindigkeit nicht die allein selig machende Komponente für ein gutes Solo ist.

Weiße Plüschgitarren

Kein Wunder, dass Michael Schenker ihn als eines seiner großen Vorbilder nennt. Mit „I gotsta get paid“ und „Just got paid“ kommen lediglich zwei Songs jüngeren Datums zum Einsatz. Bei dem Merle Travis Cover „Sixty Tons“ greift Gibbons zur Slide-Gitarre. Die „Cheap Sunglases“ bleiben im Etui, obgleich sie zum Wetter bestens gepasst hätten. Zum Abschluss des regulären Sets gibt es mit „Sharp dressed Man“ und „Legs“, letzteres natürlich mit weißen Plüschgitarren zelebriert, wieder zwei „Eliminator“-Songs.

Bei den Zugaben sorgen die unverwüstlichen, aber immer noch frischen „La Grange“ und „Tush“ für ausgelassene Begeisterung in der Menge. Und es gibt dann sogar noch eine zweite Zugabe mit dem Elvis-Presley-Cover „Jailhouse Rock“. Es ist fast so schwül, wie in einem kleinen proppenvollen Club. Und genau das wär’s: Die „Little old Band from Texas“ mal in einem solch intimen Rahmen zu erleben. Aber das wird genauso ein frommer Wunsch bleiben wie der nach einem etwas längeren Konzert. Auch hier bleibt alles beim alten. Wie war das noch mal mit der Beständigkeit?