Kultur

Heidelberger Frühling Neues von Elisabeth Leonskaja

Hoher Puls am Klavier

Archivartikel

Eine „Priesterin der Kunst“ darf sie sich nennen, denn das ist der offizielle Titel, den ihr altes Heimatland Georgien an Elisabeth Leonskaja verliehen hat. Und eine „Große Dame“ des Klavierspiels ist sie sowieso. Aber beim Heidelberger Frühling wirkt sie nur bedingt wie eine solche, was ein Kompliment sein soll – denn eine „Große Dame“ könnte ja gesetzt erscheinen. Wenn nicht gar geziert. In Mozarts populärem 23. Klavierkonzert in A-Dur gibt es dafür gottlob keine Anzeichen, Leonskaja lässt die Musik frei fließen, hält sie schlank und setzt auf feines, doch nicht flaches Linienspiel. Besonders gut passt das zum Schlussrondo und seinem perlenden Parlando-Ton. Als Zugabe gibt es zwei Schumann-inspirierte Tasten-Aphorismen von Jörg Widmann, und das hat auch seinen Grund: Der Dirigenten-Komponist begleitet sie an diesem Abend mit dem Irish Chamber Orchestra.

Musikalische Fieberkurve

Er piesackt die Besucher auch mit seiner „Fieberphantasie“ – die aber durchaus mit Klangfantasie gesegnet ist. Elisabeth Leonskaja mischt dabei wieder mit, einen Bezug zu Widmanns Liebling Schumann gibt es ebenfalls erneut. Das Hauptwerk des Konzerts ist Schumanns C-Dur-Sinfonie, der Dirigent fühlt ihren schnellen Puls und ihre heiße Hand, beobachtet den Vollausschlag der Fieberkurve wie ein Arzt, der nicht vom Krankenlager weicht. Es hilft: Am Schluss ist der Patient wieder bei vollen Kräften. Das gelingt so eindrucksvoll, wie Widmann als Solist im Klarinetten-Concertino Webers schon zu Anfang dieses schönen Abends magisch wolfsschluchtdunkle „Freischütz“-Atmosphäre zu beschwören weiß. Das Irish Chamber Orchestra folgt ihm bedingungslos.