Kultur

Schillertage Das Performance-Kollektiv (La) Horde mit „To Da Bone“ im Schauspielhaus

Hüpf’ um dein Leben!

Archivartikel

Am Anfang steht das Individuum. Einzeln, ja gar vereinzelt und darob missmutig betreten neun junge Männer und zwei Frauen die Bühne des Mannheimer Schauspielhauses. Zielstrebig, betont lässig oder auch ziellos schlappend findet sich die Elf, die zunächst ebenso schweigt wie die Lautsprecher, aus denen bald harter Techno donnern wird. Wenn diese Exposition auch etwas zu lang gerät, ihre Wirkung verfehlt sie nicht, erzählen die ersten Minuten doch schon einen guten Teil der Geschichte, die die eines jugendlichen Tanzstils, aber auch die einer sozialen Selbstfindung im digitalen Zeitalter ist. Das französische Künstlerkollektiv (La) Horde, das an Schnittstellen der Darstellenden Künste arbeitet, hat sich mit „To Da Bone“ („bis auf die Knochen“) einem vor etwa 15 Jahren entstandenen Phänomen gewidmet.

Jugendliche filmten – natürlich mit dem Handy – die neuesten Schrittkombinationen und Kicks ihres Jumpstyle-Tanzes im wortwörtlichen Hüpf- oder Springstil und stellten sie in die gängigen Internet-Videoportale und sozialen Netzwerke.

Was braucht man? Kondition, Kraft in den Beinen, eine gute Koordinationsgabe und natürlich einen heftig hüpfenden Techno-Klangteppich mit etwa 150 BPM (Beats pro Minute). Und schon entsteht ein mitreißendes Tanzvergnügen, solistisch, als interagierendes Duo oder eben in der Königsklasse als von (La) Horde punktgenau durchchoreographiertes Ensemble, das wir im Schauspielhaus bewundern dürfen.

Gefunden haben sich die Jumper aus Belgien, Kanada, Ungarn, den Niederlanden oder der Ukraine also über das Internet, wie sie uns muttersprachlich in unübertitelten, aber immerhin im Programmheft abgedruckten Wortbeiträgen berichten. Es entstand Austausch, Gemeinschaft, Respekt vor der Leistung des Anderen, versinnbildlicht in den umarmenden Gruppenauftritten an der Bühnenrampe, die nicht zufällig an Shows wie „Riverdance“ oder „Stomp“ erinnern und in einer filmischen Einlage mit Video- und Handy-Kamera gar eine, wenn auch plakative, medientheoretische Überhöhung erfahren.

Inszenatorisch recht dünn

Von den Protagonisten selbst erfahren wir indes wenig und um vom beglückenden Gruppenerlebnis zum Schillerschen „Seid umschlungen, Millionen“ zu gelangen, ist es dann doch noch recht weit, weil inszenatorisch recht dünn.

Auch dass es den Jumpstyle ohne die virale Verbreitung durch das Internet nicht gäbe, wie der Abend durchgängig behauptet, darf man getrost bezweifeln, denn „Jugendbewegungen“ wie Charleston, Rock ’n’ Roll, Hustle oder der gute alte Lambada und andere Modetanzformen und Lebensgefühle schafften das zu ihrer Zeit gänzlich analog. Das Vergnügen der Betrachtung der bewunderungswürdigen Kunstfertigkeit schmälert dieser Einwand freilich nicht: herzlicher Applaus im Schauspielhaus.