Kultur

Chanson Sandra Kreisler bei den Jüdischen Kulturtagen

"Ich bin a Jid!"

Mannheim."Nicht zu viele Vorschusslorbeeren - sie wissen ja gar nicht, was noch kommt!" - so warnte Sandra Kreisler gleich, als sie unter begeistertem Klatschen die Bühne des Gemeindehauses der Mannheimer Synagoge betrat. Witz und Schwung hat die Wahlberlinerin jedenfalls, das merkte man sofort. Ihrer mal rauen, mal satt-melancholischen Stimme standen Genadij Desatnik an Geige, Bratsche, und Gitarre und Valerij Khoryshman am Akkordeon gekonnt zur Seite.

Launig begann der Abend im Rahmen der Jüdischen Kulturtage mit Georg Kreislers "Der Beschluss", einer Entscheidungsfindung mit Schwierigkeiten. O-Ton Sandra Kreisler: "Lange dachte man, übermäßiges Überlegen sei etwas typisch Jüdisches - da kannte man Merkel noch nicht." Ähnlich unterhaltsam ging es weiter.

Doch als man sich schon in einer unbedarft-fröhlichen Folkloreveranstaltung einmummeln wollte, wurde es plötzlich ernst. Kreisler sang und sprach über die Judenverfolgungen in Russland und Deutschland. Besonders ein Gebet aus einem deutschen KZ berührte, das die Künstlerin ohne Musik rezitierte: "All das Gute soll zählen - und nicht das Böse. Für die Erinnerung unserer Feinde sollen wir nicht mehr ihre Opfer sein".

Kontroverses Thema

Mit "Ich bin a Jid" schlug Sandra Kreisler nach der Pause einen Bogen von vergangenem zu gegenwärtigem Antisemitismus. Dabei kritisierte sie mit deutlichen Worten die deutsche Berichterstattung zum Palästina-Konflikt ebenso wie die finanzielle Einflussnahme des Westens. Ein kontroverses Thema - doch beschlich einen immer wieder das Gefühl, dass Kreisler selbst ein Stück zu weit im Schwarz-Weiß-Bild hing, das sie ansonsten beklagte.

Mit einer liebevollen Chanson-Verbeugung vor den Absurditäten des Opernbetriebs ließ die gebürtige Wienerin den Abend schließlich harmonisch zu Ende gehen. Das Publikum jedenfalls war begeistert - und ließ die Musiker erst nach drei Zugaben gehen.