Kultur

Heidelberger Liedakademie Wie Graham Johnson seine Rolle als Klavierbegleiter großer Stars einschätzt / Der Pianist wurde von Benjamin Britten beeinflusst

„Ich bin nicht Hausarzt eines Sängers“

Graham Johnsons Anschlag ist intakt, er hämmert mit den Fingern immer wieder kräftig auf den Tisch im Festivalcafé der Heidelberger Stadthalle. Ein passionierter Pianist sitzt uns da gegenüber, das ist klar. Und doch ist Johnson keiner, der das große Virtuosen-Repertoire bevorzugt: Er begleitet seit Jahrzehnten lieber große Sänger, bei der Heidelberger Liedakademie ist Johnson nach dem Künstlerischen Leiter Thomas Hampson deren wichtigster Dozent. Ein reizvoller Gesprächspartner ist er schon dadurch, dass man ihn als personifizierte Interpretationsgeschichte sehen kann. Als Zeitzeugen, der noch mit Peter Pears und Benjamin Britten in Kontakt gekommen ist. Das war um 1970.

Johnson stammt aus Bulawayo in Rhodesien, heute nenne man das „unglückliche Land“ Simbabwe, sagt er melancholisch. Das Rhodesien, wie es ihm vertraut war, gibt es längst nicht mehr.

Wie sein Vorbild liebt er Schubert

Nach London kam er aber wegen seiner Künstlerlaufbahn, und auf die hatte Benjamin Britten starken Einfluss, auch durch seine legendäre Aufnahme von Schuberts „Winterreise“: „Er war Schubert selbst, saß auf dem heißen Stuhl des Komponisten am Klavier“, schwärmt Johnson heute noch. Er selbst konnte kein Komponist sein (was er anfangs vorhatte). Doch auf den „heißen Stuhl“ wollte er auch.

Es wurde eine ziemlich lange Reise: „Bis ich 30 Jahre alt war, war ich nicht so gut“, glaubt Johnson. Aber das sei auch bei Ärzten so, man brauche eben viel Erfahrung, im Beruf wie im realen Leben. Eher herbe, bittere Erfahrungen schließe das ein, denn Liedbegleiter würden nicht besonders hoch geschätzt, bekämen nur den vierten Teil der Gage eines Sängers, seien auf den alten Plattenhüllen manchmal unerwähnt geblieben. Walter Legge, Produzent der Plattenfirma EMI und Ehemann der Sängerin Elisabeth Schwarzkopf, habe seine Gattin sogar gnadenlos zur „Kreuzigung“ ihres Klavierbegleiters aufgefordert.

Ist es also eine Tätigkeit für unterschätzte Außenseiter? Nicht ganz: „Ich bin nicht Hausarzt eines großen Sängers oder Sekretär der Hausdame“, sagt Johnson selbstbewusst – und klopft mal wieder auf den Tisch. Er hat sich freigeschwommen, spätestens mit seinen großen Platteneditionen. Nicht allein im Fall von Schubert stellte er uns dicke Boxen mit Gesamtausgaben ins CD-Regal, die Sängerinnen hießen Janet Baker, Margaret Price oder Brigitte Fassbaender, die Sänger Peter Schreier, Thomas Hampson oder Ian Bostridge: das „Who’s who“ des Liedgesangs.

Passionierter Büchersammler

Der Pianist ist ein passionierter Leser, er zeigt uns ein Foto von seinem alten, schönen Bücherschrank, in dem er alte, schöne Erstausgaben stehen hat, zum Teil von 1824. Es sind die Gedichtvorlagen zu den Liedern. Lässt sich die Begeisterung dafür den Heidelberger Stipendiaten nahe bringen? Johnson weiß es nicht genau. Aber er hofft, dass sie noch „Rat vom Grufti“ annehmen. Wir hoffen es natürlich auch.