Kultur

Das Interview Lenny Kravitz über musikalische Idole, politische Standpunkte, Bodenhaftung und sein neues Album

„Ich spürte Jacksons Präsenz“

Archivartikel

Seine Sonnenbrille hat Lenny Kravitz, 54, beim Interview im Pavillon Etoile in Paris ausnahmsweise mal abgesetzt. Zur Begrüßung macht der Musiker eine Gettofaust. Nicht weil er das lässig findet, sondern weil er gerade eine Mango gegessen hat. „Ich will Ihnen meine klebrigen Hände nicht zumuten“, entschuldigt er sich. Wer hätte gedacht, dass er ein Gentleman ist? Normalerweise zelebriert der Amerikaner genussvoll das Rockstar-Klischee. Selbstverständlich verzichtet er auch auf seine CD „Raise Vibration“ nicht auf seine Gitarrenriffs. Allerdings ordnen sie sich diesmal über weite Strecken einem Funk-Sound unter.

Mister Kravitz, 2009 haben Sie beim Rock-’n’-Roll-Hall-of-Fame-Konzert im Madison Square Garden mit Aretha Franklin auf der Bühne gestanden. Wie sehr hat Sie ihr Tod getroffen?

Lenny Kravitz: Ich war natürlich sehr traurig. Aretha ist viel zu früh von uns gegangen. Sie war die Königin des Soul. Darum wird ihre Musik, ihre Botschaft, ihre Einzigartigkeit, ihre Kraft immer lebendig bleiben.

War Aretha Franklin eines Ihrer Idole?

Kravitz: Auf jeden Fall. Schon als Junge hörte ich ihre Platten rauf und runter, meine Mutter hat sie ständig aufgelegt. Ich weiß noch, wie sehr mich „Respect“ damals beeindruckt hat. Ein großartiges Lied mit einem tollen Groove.

Nicht minder haben Sie Michael Jacksons Songs fasziniert.

Kravitz: Stimmt. Mit „Another Day“ habe ich ja sogar ein Stück für ihn geschrieben und produziert. Unglücklicherweise landete es zusammen mit all diesen schlechten Titeln auf dem Album, das nach Michaels Tod erschienen ist. Das war so nicht geplant. Michael wollte die Nummer eigentlich für eine andere CD zurückhalten.

Jetzt ist Michael Jackson in Ihrem Lied „Low“ zu hören. Wie kam es dazu?

Kravitz: Diese Nummer hätte ich ohne weiteres Michael geben können. Als ich sie aufnahm, hörte ich dauernd seine Stimme. Ich spürte seine Präsenz. Also ging ich zu den Tapes, auf denen die Tracks waren, die wir gemeinsam eingespielt hatten. Ich extrahierte seine Stimme aus einem Titel, danach integrierte ich sie in „Low“. Auf diese Weise wollte ich ein paar Akzente setzen.

Worum geht es in „Low“?

Kravitz: Um eine Beziehung. Man muss den anderen so sehen, wie er ist. In sein Herz schauen, in seine Seele.

„Here To Love“ indes wendet sich gegen Rassismus.

Kravitz: Sagen wir so: Rassismus ist ein Teilaspekt dieses Songs.

Als Sohn einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters ist Rassismus sicher kein Fremdwort für Sie.

Kravitz: Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben und aus den verschiedensten Kulturen verkehrten. Erst in der Schule stellte ich fest: Das war nicht die Normalität. Meine Mitschüler haben nicht verstanden, warum ein Elternteil von mir schwarz war, der andere aber weiß.

Heute sehen die meisten Leute in Ihnen in erster Linie den Rockstar Lenny Kravitz.

Kravitz: Nicht überall. Ich habe neben meiner Wohnung in Paris einen Zweitwohnsitz auf den Bahamas, dort lebe ich in einem Airstream Trailer am Strand. Wenn ich auf Eleuthera bin, kann ich ganz tief in mich hineinhorchen. Vielleicht habe ich deshalb auf dieser Insel von all meinen neuen Songs geträumt.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie auf den Bahamas mehr Sie selbst sein können als anderswo?

Kravitz: Ja. Die Einheimischen behandeln mich wie ihresgleichen. Mein Star-Status interessiert sie überhaupt nicht. Irgendwann hat mich mal Mick Jagger auf den Bahamas besucht. Wir hingen im Haus eines Freundes ab. Der fragte Mick: „Was machst du denn so?“ Er antwortete: „Ich bin Musiker.“ Das tat mein Freund mit einem „Cool!“ ab, dann wechselte er einfach das Thema.

Hat er Mick Jagger denn gar nicht erkannt?

Kravitz: Nein. Als mein Freund hinterher herausgefunden hat, wer da bei ihm zuhause gewesen ist, hat er sich natürlich schon ein bisschen geärgert. Aber wie gesagt: Auf den Bahamas zählt eigentlich nicht, wen oder was jemand draußen in Welt darstellt.