Kultur

Idealismus in Tönen

Lässt sich etwas schon Älteres heute noch einmal so erleben, wie man es bei seiner ersten, zweiten, dritten Aufführung erleben konnte? Wohl kaum. Was einst revolutionär war, ist heute historisch. Aber sein Geist, dasjenige, was aus ihm spricht, in Tönen, Worten oder Bildern, lässt sich nachempfinden; und ich meine, so kann es befeuern bis heute. Voraussetzung dafür ist nur Offenheit und die Bereitschaft, sich faszinieren zu lassen. Und es bleibt auch dann möglich, wenn ein Werk fast bis zum geht nicht mehr gespielt, empfunden und gehört worden ist. Nehmen wir das Paradebeispiel von Beethoven, die 9. Sinfonie (bei der 3., 5. und 6. wäre es kaum anders). Bei jedem Wiederhören faszinieren mich aufs Neue der ganz leise, dann rasch anschwellende Klang des Beginns, das bald einsetzende, getragene Pathos, die Weiterführung – bis schließlich hin zum Einsetzen jener Melodie, die dann der Vertonung von Schillers „Freude“-Ode zu Grunde liegt.

Beethoven fasst seine Zeit in Töne, und das ist die des Idealismus, die Zeit von Schiller, Hölderlin, Fichte, Hegel. Dass nicht die Realität den Menschen formt, sondern umgekehrt der Mensch mit Ideen und Taten Wirklichkeit schafft, das klingt aus dem Werk dieses Komponisten immerzu. Und man hört zugleich mit, dass es dazu einer Erhebung, einer Selbstermächtigung bedarf. Natürlich hat die Geschichte gezeigt, dass die Möglichkeiten, Wirklichkeit zu schaffen, längst nicht immer zum Guten genutzt wurden – und dass der Mensch in vieler Hinsicht doch Opfer der Umstände ist. Es bleibt aber, denke ich, hoffe ich, auch die andere Möglichkeit. Aus Beethoven spricht, tönt für mich die Gewissheit, dass es so ist und danach zu handeln sei – und das nun auch schon mehr als drei Jahrzehnte lang.

Thomas Groß ist promovierter Literaturwissenschaftler und seit 1998 Kulturredakteur dieser Zeitung.