Kultur

Das Interview Tuba-Star Andreas Martin Hofmeir über seine vormalige Partyband und die zahlreichen Wendepunkte seiner Karriere

„Im Epizentrum klassischer Musik“

Archivartikel

Die Zeit ist knapp - und trotzdem nimmt Star-Tubist Andreas Hofmeir sie sich. Zwischen Stuttgart und Gent kommt der gebürtige Bayer zum Interview eigens ins Mannheimer Capitol. Dass er diesen Raum am 28. April mit einer ganz eigenen Interpretation von brasilianischem Jazz erfüllen will, steht dabei gar nicht so sehr im Vordergrund. Es entwickelt sich ein offenes Gespräch über die Kraft der Tuba, die Aufrichtigkeit des Musikgeschäfts - und wie man sie mit Humor aufrechterhält.

Herr Hofmeir, sprechen wir über Langeweile. Es soll nicht wenige geben, die die Tuba für das langweiligste Instrument der Musikgeschichte halten. Für Sie ist es dennoch das Leben. Warum tun Sie sich das an?

Andreas Martin Hofmeir: Ich könnte jetzt etwas sehr Romantisches sagen, aber es wäre gelogen. Die Wahrheit ist, dass ich mir die Tuba überhaupt nicht herausgesucht habe. Ich hatte aber schon immer eine Affinität zu großen Dingen. Wenn unsere Mutter zu Hause gesagt hat, dass wir einen Kuchen machen dürfen, haben sich meine beiden Brüder immer einen langweiligen Blechkuchen ausgesucht und ich wollte die fünfstöckige Torte machen. Ursprünglich wollte ich zwar als großer Trommler in unsere Blaskapelle kommen, wurde aber zwangsumgesiedelt, weil mir versichert wurde, dass ich dann immer dabei sein würde. Weil die Bezahlung mit Autoscooter-Chips immer stimmte, war mir für diese Auftritte jedes Mittel recht, sogar die Tuba.

Auch, wenn Sie in Ihren Programmen damit kokettieren, die Tuba sein „Kein Aufwand“: Was Sie daraus gemacht haben, ist doch enorm. Wie haben Sie das Potential dieses Instruments erkannt, das viele gern unterschätzen?

Hofmeir: Zuerst einmal herrschte in den Auswahlorchestern schon immer ein eklatanter Mangel an Tubisten, was es mir leicht gemacht hat, mitzuspielen, obwohl ich eine stinkfaule Sau war und mein Instrument zu Hause kaum gespielt habe. Dort hat mich dann allerdings der Ehrgeiz gepackt, weil ich gemerkt habe, was für eine Magie gute Musik doch hat. Das war wie ein perpetuum mobile, das einmal angestoßen wurde. Wobei ich vor allem in der Akademie der Berliner Philharmoniker gespürt habe, was Musik auf allerhöchstem Niveau wirklich bedeutet.

Sie kamen also weniger zur Musik, als die Musik über Sie?

Hofmeir: Wie so vieles in meinem Leben. Als die Carnegie Hall Season 2001 zwei Wochen nach den Anschlägen eröffnet wurde und Claudio Abbado seine Abschiedstournee gab, musste ich plötzlich einspringen und war auf einmal mittendrin im Epizentrum klassischer Musik. Das bekam ich auch deutlich zu spüren. Ich kann mich an Unterrichte mit meinem Professor Jens-Björn Larsen in Hannover erinnern, bei denen er mich wirklich angeschrien hat. Weil er nicht verstehen konnte, wie man so viel Talent so verschludern kann. Das Problem war, dass meine Interessen immer sehr vielseitig waren. Ich würde mich nie nur als Tubisten beschreiben, sondern habe mich immer sehr für Literatur, Theater und Kleinkunst interessiert und ja auch mein Studium damit finanziert. Heute profitiere ich von beidem - von der Bühnenpersönlichkeit, die ich nach 15 abendfüllenden Kabarettprogrammen geworden bin, aber auch von der Disziplin, das Letzte aus meinem Instrument herauszuholen.

Was bedeutet das für einen, der aus dem Dorf kam, um plötzlich in die Welt hinauszugehen?

Hofmeir: Als Musiker, der im Auswahlorchester gespielt hat, wurde man zu Hause schon als Judas gesehen. Weil die Blaskapelle im Dorf ist ja auch jeden mit einbeziehen soll. Und dann komm ich auf einmal daher und habe so viele Ideen, was man besser machen kann. Da war ich schon recht alleine. Bis ich angefangen habe Tuba zu studieren, habe ich geglaubt, dass das außer mir keiner macht. Was mir geholfen hat, war der frühe Erfolg mit dem Kabarett, die klassische Karriere ist in meiner Heimat erst gar nicht so verstanden worden. Ich glaube auch nicht, dass zu Hause viele Leute gewusst hätten, was oder wer die Berliner Philharmoniker sind - ich übrigens auch nicht.

Für Sie mussten da ja sehr früh zwei Welten zusammen funktionieren. Auf der einen Seite der Humor, auf der anderen Seite der notwendige Ernst. Haben Sie sich nie darum gesorgt, dass Sie als Person nicht mehr ernst genommen werden?

Hofmeir: Da gab es schon viel Konfliktpotential, denn ich war schon immer ein lockerer Typ und auch im Orchester eher für die lustigen Momente zuständig. Und machen wir uns nichts vor: Die Berliner Philharmoniker sind ein Orchester mit viel heiligem Ernst, das ständig unter Druck steht. Da rumpelt man schon mal mit Kollegen aneinander. Der Bassposaunist Hermann Bäumer war so ein Typ, mit dem habe ich mich regelmäßig gefetzt habe, weil er meine nonchalante Art überhaupt nicht abkonnte. Dieser Mann war der Inbegriff von Pflichtbewusstsein und konnte auch lustig sein, aber streng lustig. Und dann standen wir einmal gemeinsam am Tisch und haben Witze erzählt und ich eben auch. Danach nahm er mich zur Seite und sagte mir, dass ich das als neuer Akademist besser gelassen hätte. Das habe ich gekontert und meinte: „Einen Witz kann ja wohl jeder erzählen, sogar der Portier - und der erzählt wahrscheinlich einen besseren als ihr alle zusammen.“

Na, da haben Sie sich sicher Freunde gemacht…

Hofmeir: Ich habe mir glaube ich sogar Respekt erarbeitet. Weil die Berliner Philharmoniker hauptsächlich Leute sind, die hofiert und bewundert werden. Und denen tut es auch einmal ganz gut, wenn man sie anders anpackt. Das ist auch ein Grund, warum ich mich mit den Orchesterwarten immer sehr gut verstanden habe, weil sie - um mit Mahler zu sprechen - der Welt nicht abhandengekommen sind. Ich mag einfach keine elitären Ansprüche, keine elitären Autos, keinen elitären Kleidungszwang. Was ich liebe, ist eine extreme Fallhöhe zwischen großer Kunst und legerer Einfachheit im Auftreten, die trotzdem ihren qualitativen Anspruch wahrt.

War das der Grund, aus dem „LaBrassbanda“ für Sie irgendwann nicht mehr funktionierte?

Hofmeir: Mir war es am Ende tatsächlich etwas zu langweilig. „LaBrassbanda“ hat sich ja zu einer Partyband entwickelt und das machen sie auch wirklich wahnsinnig gut, aber es ist eben immer das Gleiche und irgendwann keine Herausforderung mehr. Ich hätte bei der Band bleiben und Geld drucken können, aber der Erfolg mit dem Buch, meinen Kabarett-Programmen und dem Klassik-Echo haben mir den Ausstieg doch sehr erleichtert. Was ich nie vergessen werde, ist der Genuss vor zehntausenden hüpfenden Menschen zu spielen, wonach sich so mancher Klassiker ja mal sehnen würde. Aber man gewöhnt sich an alles und manchmal wünschte ich mir tatsächlich, dass die Menschen einfach mal ruhig sind, damit man anständig Musik machen kann.

Nun kommen Sie mit brasilianischem Jazz zurück ins Capitol. Täusche ich mich, oder hatte ich den nicht „tragisch bis depressiv“ in Erinnerung?

Hofmeir: Nachdem ich mit Andreas Mildner auf einem Harfen-Festival in Brasilien spielen durfte, habe ich immer wieder Zeit dort verbracht und war von der Musica Popular, die dort gespielt wird, tief fasziniert. Wir würden diese melancholische Kombination aus Samba und Bossa Novas niemals Volksmusik nennen, aber sie hat eine unglaublich hypnotische Kraft. Fredl Fesl hat mich mit diesem Programm einmal gesehen und sagte mir, es sei der Inbegriff eines musikalisch-atmosphärischen Abends. Und genau den wollen wir Mannheim schenken. Wobei es auch für mich ein Geschenk ist, dass ich mit so fantastischen Jazz-Musikern zusammenspielen darf.