Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Shakespeares "Was ihr wollt" komisch-turbulent und ein bisschen melancholisch / Nie war das Stück aktueller als heute

Im Tollhaus der Selbstverliebtheit

Sigrid Herzog hat Shakespeares Schauspiel "Was ihr wollt" für das Mainfranken Theater Würzburg als unterhaltsam-komische und unterschwellig melancholische Verwechslungskomödie inszeniert. Kein leichtes Unterfangen bei einem über 400 Jahre alten Stück mit sperrigen englischen Texten, die Elisabeth Plessen übersetzte und Regie und Dramaturgie (Frank Zipfel) in eine noch besser verdauliche Fassung brachten.

Musik als tragendes Element

Die Neuinszenierung nach der letzten Premiere des Lustspiels im Jahr 1989 ist die erste Schauspielproduktion der Spielzeit 2017/18 und glänzt mit einer bis ins Detail überzeugenden Personenführung. Den konventionellen Rahmen sprengt sie nur in musikalischer Hinsicht. Denn den die Handlung tragenden Musiknummern - schließlich heißt es ja gleich am Anfang bei Shakespeare "Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist" - kommt die Bedeutung zu, die Figuren und jeweiligen Situationen zu charakterisieren.

Die zwei großen Frauenrollen Viola und Olivia ließ die Regisseurin weder - wie zu Shakespeares Zeiten - von jungen Männern, noch Viola/Cesario und Zwillingsbruder Sebastian von ein und derselben Person spielen.

Mit der gebürtigen Hamburgerin Lenja Schultze als Viola und dem in Berlin geborenen Paul Walther als dem nahezu identisch gekleideten Zwillingsbruder Sebastian beginnt das Verwirrspiel mit einem filmreifen Schiffsuntergang im donnernden Sturm, der Viola und Sebastian trennt und auf den Strand von Illyrien spült. In dem Glauben, ihr Bruder sei ertrunken, will sie - um zu überleben - als junger Mann "Cesario" verkleidet dem Grafen Orsino als Page dienen.

Der Graf dagegen sehnt sich nach der Liebe seiner Nachbarin, der Gräfin Olivia. Doch dieser steht nicht der Sinn nach Männern, denn sie trauert ausdauernd um ihren toten Bruder. Unverhofft kommt oft, denn Olivia verliebt sich in den vermeintlichen jungen Mann Cesario, der im Auftrag seines Herrn um ihre Gunst werben soll. Doch Cesario begehrt inzwischen den scheinbar unerreichbaren Grafen Orsino.

Mit einer Nebenhandlung wird ein Narr eingeführt; zusammen mit zwei Trunkenbolden Sir Toby, dem Onkel von Olivia, und Sir Andrew spielt die kecke Zofe Maria dem humorlosen Hausverwalter Malvolio einen üblen Streich.

Mit einem gefälschten Brief wird diesem vorgegaukelt, seine Herrin Olivia begehre ihn insgeheim. Der von sich sehr eingenommene Malvolio fällt auf den Trick herein und fühlt sich sehr geschmeichelt. In gelben Strümpfen und überkreuzten Strumpfbändern macht er sich bei seiner Herrin gnadenlos lächerlich. Um die Verwirrung komplett zu machen, taucht der tot geglaubte Zwillingsbruder Sebastian auf, wird aber für Cesario gehalten.

Topf und Deckel finden sich

Deshalb schleppt Olivia zur Vermählung Sebastian vor den Altar; dieser weiß nicht, wie ihm geschieht, lässt es aber geschehen. Orsino schreibt Olivia ab, als er merkt, dass er in Cesario verliebt und dieser eine Frau ist. So kann er Viola ehelichen, die Zwillinge sind wieder vereint. Töpfchen und Deckel finden auch bei der Zofe Maria und Sir Toby zueinander. Der einzige Verlierer im Tollhaus der Selbstverliebtheit, unechter Gefühle und Liebeswahn ist Malvolio, der bei seinem Abgang bittere Rache schwört.

Der englische Titel der Komödie "Twelth Night, or What You Will" deutet auf ein besonderes Ereignis hin, den Dreikönigstag, dem zwölften nach dem Fest von Christi Geburt. Nach mittelalterlicher Tradition wurde das Ende der Weihnachtszeit ausgelassen und fröhlich wie im Karneval gefeiert. Die zehn Schauspieler liefern eine geschlossene Ensembleleistung ab, in die sich Anton Koelbl als Poseidon und Antonio sowie Paul Walther als Valentin/Wachsoldat nahtlos einfügen.

Mit beachtlichem Gesangstalent mischt Lea Sophie Salfeld als Zofe Maria mit schwarz-weißem Kostüm und Schürze kokett mit und scheut auch vor Derbheiten nicht zurück. Bastian Beyer verkörpert einen attraktiven, aber eher in sich gekehrten, aber sich im Liebeswahn verzehrenden Grafen Orsini; edel-zurückhaltend, aber mit schwermütig-narzisstischen Neigungen. Das krasse Gegenteil ist Olivia als Objekt seiner Begierde, die Hannah Walther mit abweisendem Charme spielt, der rasch in stürmische Leidenschaft für Cesario/Viola umschlägt.

Die androgyne Doppelfigur bringt Lenja Schultze umwerfend und differenziert auf die Bühne; sie meidet stereotypische Männerposen und ihre Emotionen sind für die Zuschauer nachvollziehbar, weil sie zwischen Sein und Schein von Anfang an im Bilde sind. Ein Wortverdreher ist Anja Brünglinghaus als exzellent gespielter weiser Narr, der als Stimmungskiller kaum Sympathien erntet.

Die sammeln der jedem Tropfen Alkohol nicht abgeneigte Sir Toby Rülp und sein Begleiter und Volltrottel Sir Andrew Bleichenwang dafür haufenweise ein. Es sind Paraderollen für Meinolf Steiner und Martin Liema, die mit wehendem Rothaar unter dem Pepita-Hut und mit Schottenrock nebst Blechrüstung und Golftasche von Kostümbildnerin Veronica Silva-Klug ihr komödiantisches Talent voll ausleben. Viel Beifall erntet auch Herbert Schäfer als eitler Malvolio, den er mit einer gelungenen Mixtur von hetero- und homoerotischen Neigungen und mit tiefen Rachegelüsten eines Verlierers verkörpert.

Pfiffiges Bühnenbild

Straff gespannte, flexible Stoffbahnen, zwei Plüschwände an den Seiten der leicht abschüssigen Bühne, zwei riesige Sitzkissen, ein weißen Tigerfell, zwei mit Blüten übersäte Gazevorhänge und ein paar Kunstrasenstücke; mehr bedarf es nach Bühnenbildnerin Alexandra Burgstaller nicht, um den Spannungsbogen eines abwechslungsreichen Spiels, mit Klavierspiel und Kompositionen von Lukas Rabe, nebst Chorgesang und Lieblingsstücken der Schauspieler nicht abreißen zu lassen.

Ein gelungener Regieeinfall, der den Liebeswirrwarr noch einmal in den Fokus rückt, indem er mit den Wahrnehmungen der Zuschauer spielt: Sehnsüchte werden eigentlich auch zum vermeintlichen Happy End nicht erfüllt. Denn zum Schluss geben sich nur scheinbar aus Versehen die falschen Pärchen Küsse, bevor sich die "Richtigen" in die Arme fallen. Die Gedanken sind frei.

Wer meint, es gehe doch nur um die ewig gleiche Leier, wer am Ende wen und warum an den Tisch und ins Bett bekommt, sieht sich getäuscht. Denn nie war "Was ihr wollt" aktueller alle heute. Am Premierentag trat in Deutschland das Gesetz über die sogenannte "Ehe für alle" in Kraft; ein "was ihr wollt" also für schwule und lesbische Paare, genauso wie Heterosexuelle mit den gleichen Rechten heiraten zu können. Vielleicht probte Shakespeare mit seinem Stück über Geschlechter-Identität und Selbstfindung schon damals den Aufstand.