Kultur

Staatsschauspiel Stuttgart Oliver Frljic inszeniert „Romeo und Julia“

Immer wieder ab in die Kiste

Als erster sogenannter Klassiker stand Shakespeare mit „Romeo und Julia“ auf dem Programm des Staatsschauspiels Stuttgart unter seinem neuen Intendanten Bernd C. Kosminski. Mit klassischem Drama hatte das allerdings nichts zu tun, was da der 42-jährige kroatische Regisseur Oliver Frljic präsentierte.

Viele Überraschungen

Die erste Überraschung erlebte man bereits beim Blick ins Programmheft: „Aufführungsdauer 1,45 Stunden, keine Pause“. Und das bei dieser komplexen Tragödie! Die zweite kam dann zum Schluss, als die Vorstellung bereits nach 1,35 Stunden zu Ende war – die eineinhalb Stunden zu lange dauerte.

Sven-Eric Bechtolf und Wolfgang Wiens zeichnen für die Übersetzung

verantwortlich, die ziemlich grobschlächtig ist. Doch sie ist nicht das größte Ärgernis das Abends.

Diese Auszeichnung verdienen vielmehr der Regisseur Oliver Frljic und die Dramaturgin Carolin Losch. Denn sie glaubt, dem Dramatiker William Shakespeare am Zeug flicken zu müssen, indem sie dessen geniale Dramaturgie durcheinanderwirbelt und dazu den Schluss an den Anfang stellt.

Rockerspiel und Komödie

Und er sucht sein Heil darin, dass er eine der schönsten Liebestragödien der Weltliteratur als eine Mischung aus Rocker-Spiel und unfreiwilliger Komödie vorstellt.

Am Anfang umarmen und küssen sich Romeo (Jannik Mühlenweg) und Tybalt (David Müller) vor dem Vorhang. Dann kommt ein Spiegel auf der im Wesentlichen von Kulissen freien Bühne zum ersten, aber nicht letzten Mal ins Spiel.

Zwischen Grabsteinen treten Mönchsgestalten auf, darunter Pater Lorenzo (Thomas Mainhardt), der einst Romeo und Julia (Nina Siewert) getraut hat, die inzwischen tot in zwei offenen Holzsärgen, liegen, aber wiederauferstehen und sich küssen.

Danach werfen die Mönche, vielleicht aus Freude über das unerwartete Geschehen, ihre Kutten ab und zeigen eine Rock-Opera-Szene im Nebel.

Dazu passt dann auch, dass eine Sängerin (Sandra Hartmann) an der Spitze eines hohen, in blaue Tücher gehüllten Gestells als Musical-Star auftritt.

Julia nimmt ein Schaumbad

Danach steigen Romeo und Julia wieder in die Särge, küssen sich erneut, – und nicht zum letzten Mal an diesem Abend heißt es: Ab in die Kiste!

Denn das ist sozusagen das Motto dieser Inszenierung. Später wirft Julias Vater (Klaus Rodewald), der immer wieder schimpft und herumschreit, seine Tochter zu Boden. Lady Capulat (Gabriele Hintermaier), Julias Mutter, sitzt im Rollstuhl und schiebt eine Kiste umher, in der Julia ein Schaumbad nimmt.

Doch auch Graf Paris (Benjamin Pauqust), der um Julias Hand wirbt, und der später einmal die Schreiende verfolgt, sitzt schon einmal in diesem Rollstuhl.

Dann schreit Romeo den Pater Lorenzo an, der ihn und Julia in besagten Kisten herumschiebt, während er die Trauung vornimmt. Mercutio (Christoph Jöde) stellt im Kampf mit Tybalt fest: „Ich bin verletzt!“, trinkt ein Glas Wasser und stirbt, ohne nicht vorher noch einen Fluch auszustoßen. Romeo und Julia rangeln miteinander.

Er wiegt ein Kissen auf dem Arm, das sie ihm entreißt und aufreißt, so dass nur so die Federn fliegen, Verfliegen so Träume? Auf jeden Fall besteigen Romeo und Julia zum Schluss wieder ihre Kisten und küssen sich.

Nichtssagende Aufführung

So endet dann nach kurzen und doch für diese originalitätssüchtige, im Grund nichtssagende Aufführung viel zu langen rund eineinhalb Stunden die jüngste Stuttgarter „Romeo und Julia“-Inszenierung, für die Sandra Dekanic die Kostüme geschaffen hat und in der noch Benvolio (Valentin Richter), Fürst Escalus (Eberhard Boeck) und Montague (Frank Laske, der Souffleur) auftreten, viele andere aber nicht, darunter auch Julias Amme.

Keine Balkon-Szene

Dafür begegnet man 17 sogenannten Hieronymus-Bosch-Gestalten aus dessen Gemälde „Garten der Lüste“.

Dass es bei einer solchen Interpretation des Geschehens keine Balkon-Szene geben kann, versteht sich eigentlich von selbst. Wie nun aber die Geschichte, ihre Hintergründe und die Ursachen der Zwistigkeiten zwischen den verfeindeten Häusern Capulet und Montague zu verstehen sind, das bleibt wie so vieles im Dunkeln. Dieter Schnabel