Kultur

Mozartfest Würzburg Enthusiastischer Applaus für das Münchner Kammerorchester

In einer anderen Welt

Archivartikel

Ein außergewöhnliches Konzert beflügelte die Mozartfestbesucher in der Würzburger Residenz in kompositorischer und pianistischer Hinsicht. Das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Clemens Schuldt verlegte sich mit Feuer und Präzision in die Wiedergabe der Konzert-Ouvertüre F-Dur op.32 „Das Märchen von der schönen Melusine“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Er hielt sie für seine beste, was gewiss auch daran lag, dass es ihm hier gelungen war, den poetischen Gehalt der Vorlage, die von der hoffnungslosen Liebe zwischen einer verführerischen Meerjungfrau und einem Edelmann erzählt, in klassischer Sonatensatzmanier auf zwei charakterlich kontrastierende Themen zu übertragen.

Das ausgefeilte Zusammenspiel faszinierte ebenso wie das romantische Flair, welches das Orchester vor den Zuhörern ausschüttete. Höhenflüge einfühlsamer Hingabe markierten die Qualität, mit der die Münchener punkten konnten. In eine ganz andere Welt führte das interessante Werk „Mantel für Streichorchester und zwei Perkussionisten“ der jungen deutsch-schwedischen, vielfach ausgezeichneten Komponistin Lisa Streich.

Fragile Tonfolgen fließen durch das auf Streicher und Schlagzeug reduzierte Orchester. Peitschenschläge klatschten von links nach rechts. Sphärische Klänge umhüllen das Schlagzeug und die Streicher wie eine Haut, gleichsam wie ein wärmender Mantel. Das kurzweilige Stück lässt durch allerlei klangliche Witze mit Liedzitaten aus dem Hinter-grund aufhorchen. Dann kam die große Überraschung.

Unglaublich virtuos

Die junge französische Pianistin Lise de la Salle hat sich das eminent schwierige Klavierkonzert a-Moll op.7 von Clara Schumann vorgenommen und über die Maßen gesiegt. Als Teenager mit 16 Jahren hatte Clara das mit technischen Schwierigkeiten überfrachtete Konzert geschrieben. Selbstbewusstsein, Kraft und Energie, die technischen Ansprüche und ungestümen Gefühle befeuerten Lise de la Salle mühelos. Mit einer unglaublich virtuosen Technik und einer großartigen Anschlagskultur, mit einem agilen Schwung und unstillbarem Fluidum erhob sie ihre Vortragskunst in höchste schwärmerische Sphären und schlug das Publikum unmittelbar in Bann.

Mit perfekter Fingerakrobatik gelangen ihr risikofreudig und fulminant die rasanten Lauffiguren und die donnernden Oktavengänge. Und niemals führte sie ihre atemberaubende Virtuosität zum Selbstzweck vor. Sie versetzte sich kompromisslos in die Tiefen und Schönheiten des Werkes, keinen Augenblick seelenlos und nirgends im Tempo zu sehr überzogen, es sei denn, man beziehe die erstaunlich flotten Tempi auf ihr jugendliches Feuer.

In der eigenen Solokadenz von Clara Schumann vor Schluss des ersten Satzes konnte die Pianistin ihr außerordentliches Können zeigen und eine funkelnde Brillanz ausschleudern. Mit erforderlichem spielfreudigen Einsatz meisterte Lise de la Salle Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466. Was sie hier erneut an struktureller und dramaturgischer Einfühlung herüberbrachte, ließ einen nur staunen. In diesem Klavierkonzert, einem der wenigen Moll-Werke, vermied sie jegliches Pathos und romantischen Rezeptionsballast, dessen düstere Episoden freilich dazu verführen könnten.

Der bekenntnishafte Zug, der Hang für das Schwere und Ungewöhnliche, die verstörende, fast dämonisch wirkende Klangwelt des ersten Satzes erläuterte die Französin mit grenzenlosem Einsatz für das Große in dieser immer wieder auch leichtfüßig dahinfließenden Musik. Den leidenschaftlichen Ton des ersten Satzes wandelte sie im Final-Satz, zu einem heiter strahlenden Dur um. Mit forschen Tempi hatte sie die Ecksätze nicht zu einer Art Beethovenschen Schicksalsdrama aufgeladen.

Die Romanze des zweiten Satzes verstand sie zügig fortschreitend, ohne eine entrückte Traumverlorenheit aus ihr abzuleiten. Das Orchester präsentierte sich zupackend, begleitete die Pianistin partnerschaftlich beim Kontrast von auffahrendem „Sturm und Drang“ und träumerisch dezenter Melancholie.

Jeder musikalischen Phrase trotzte de la Salle einen lebendig sprechenden gestischen Charakter in rhetorisch durchgeformter Weise ab, immer im Gleichgewicht von putzmunter und äußerst vital, besinnlich und heiter.

Enthusiastischer Applaus.