Kultur

Kulturhauptstadt I Süditalienisches Matera bietet das ganze Jahr über vielfältiges Programm mit Bezügen zur Antike

In Höhlen entstehen Luxussuiten

Archivartikel

Die gute Nachricht ist: Matera (siehe Landkarte) hat sich ein weiteres Mal der Zeit verwehrt. Und das ist zugleich die schlechte Nachricht. Denn wer die europäische Kulturhauptstadt 2019 besuchen will, der muss es wirklich wollen. Der nächste Flughafen liegt in Bari und ist mehr als eine Autostunde weit entfernt. Auch der nächstgelegene Bahnhof ist 40 Kilometer von Matera entfernt. Man kommt nicht zufällig in diesen entlegenen Ort der süditalienischen Region Basilikata, gelegen im Niemandsland zwischen Neapel und dem Absatz des italienischen Stiefels. Seine Abgeschiedenheit ist Materas Alleinstellungsmerkmal. Sie ist Segen und Fluch zugleich.

Es wäre deshalb ein Wunder gewesen, wären alle Anbindungen und der neue Bahnhof rechtzeitig zur Eröffnungszeremonie am 19. Januar fertig geworden. Die für den italienischen Süden zuständige Ministerin Barbara Lezzi kam mehrfach zu Überraschungsbesuchen in die Stadt, um den Fortgang der Vorbereitungen zu kontrollieren. Am Ende resignierte sie. „Matera wird nicht vergessen werden nach 2019“, versprach Lezzi. „Wir werden weiterarbeiten, bis die Stadt die Verbindungen hat, die sie verdient.“ Aber – will sie das überhaupt?

Die Wahl der süditalienischen Stadt ist ein spannender Versuch. Während der Bürgermeister und die Organisatoren mehrfach wiederholten, sie wollten gar keine Touristen in der Stadt, wirft Matera eine ganz grundsätzliche und aktuelle Frage auf: Wie viel Mobilität, Aufmerksamkeit und Luxus bedarf es, um gut zu leben? Matera mit seinen heute rund 60 000 Einwohnern ist berühmt wegen seiner „Sassi“. Das heißt „Steine“ auf Italienisch und meint die von einem Fluss ausgegrabene und vom Menschen bewohnbar gemachte Höhlenlandschaft aus Tuffstein unterhalb der heutigen Stadt, in der Menschen schon in der Altsteinzeit zu Hause waren.

Einst Schandfleck, nun Glanzstück

Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts lebten die Bewohner Materas in einer derart archaischen Ordnung, dass Kultur-Anthropologen wie der Augsburger Philosoph Friedrich Georg Friedmann (1912-2008) hier Grundlagenforschung betrieben. Im Jahr 1952 hausten in diesen Höhlen etwa 15 000 Menschen in einfachsten Verhältnissen. Strohlager bildeten die Betten, die sich nicht selten fünf Familienmitglieder gemeinsam teilten. Fäkalien wurden per Eimer im nahen Fluss entsorgt. Malaria und Hunger waren an der Tagesordnung.

„Mein Vater hat sich für dieses essenzielle Leben und seine Werte interessiert“, erzählt heute Friedmanns Tochter Miriam. Die Menschen hätten ihr Schicksal als gegeben angenommen, sich mit wenig zufriedengegeben und einen ganz natürlichen Bezug zur Natur gehabt, mit der sie ja in engstem Kontakt lebten. Bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte die moderne italienische Gesellschaft Zustände wie in Matera nicht mehr akzeptieren. Als der Chef der italienischen Kommunisten, Palmiro Togliatti, 1948 den Ort besuchte, sprach er angesichts der Zustände in den Höhlen Materas von einer „nationalen Schande“.

1952 beschloss die italienische Regierung die Umsiedlung der Bauernfamilien in eine neue Siedlung am Stadtrand. Jahrzehntelang blieben die Sassi unbewohnt, erst 1986 stellte die Regierung Geld für ihren Erhalt zur Verfügung. 1993 nahm die Unesco Matera in das Weltkulturerbe auf. Vom Schandfleck über das Welterbe bis zur Kulturhauptstadt – ein steiler Weg.

Zahl der Unterkünfte verdoppelt

Der von den Faschisten in die Region Basilikata verbannte Autor Carlo Levi widmete der Abgeschiedenheit Materas im Welterfolg „Christus kam nur bis Eboli“ seine Aufmerksamkeit. Pier Paolo Pasolini drehte hier seinen Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ und ließ Bauern als Statisten mitwirken. Mel Gibson wählte Matera als Drehort für seine „Passion Christi“ von 2004, weil die Stadt heute noch Ähnlichkeiten mit dem Jerusalem vor 2000 Jahren aufweist.

800 000 Besucher werden 2019 in Europas Kulturmetropole erwartet, es ist die wohl größte Bewährungsprobe für die Stadt. Die Zahl der Unterkünfte hat sich seit 2014 verdoppelt, knapp 400 Restaurants warten auf Kundschaft. Für eine Region, aus der Jugendliche zumeist wegen Perspektivlosigkeit flüchten, ist der Tourismus ein wichtiger Faktor. Heute sind viele der einst schmutzigen Höhlen Materas glanzvoll restauriert. Dort, wo einst Menschen und Tiere in unvorstellbarer Einfachheit zusammen lebten, sind inzwischen Luxus-Suiten, Bars oder feine Restaurants entstanden.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/kultur

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