Kultur

Literatur Hans Magnus Enzensberger porträtiert 99 literarische Überlebenskünstler – darunter Widerständler und Opportunisten des Zweiten Weltkriegs

Intelligent, witzig und böse

Eine Idealfigur war er nicht, schön auch nicht, dennoch verfielen ihm die Frauen scharenweise. Als Arzt behandelte er Patienten auch umsonst. Das Dritte Reich überlebte er, der „nützliche Idiot des Umsturzes“, den er 1933 noch begrüßt hatte. Die Rede ist von dem Dichter Gottfried Benn: Er „hielt sich für einen ‚Intellektualisten’, aber damit ist es nicht weit her. Manchmal wäre er lieber ‚ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor‘ gewesen. Gern fuhrwerkte er mit Fremdwörtern herum, deren Klang ihm gefiel, ohne dass er ihre Bedeutung verstand.“ Wie das Wort „Megalithkultur“ oder „autopsychisch solitär, fäulig monokol – das ist doch Quatsch mit Soße!“, befindet Hans-Magnus Enzensberger.

Wie man mit Fremdwörtern richtig umgeht, zeigt der scharfzüngige Dichter etwa im Untertitel seines neuen Romans, in dem sich das Wort „Vignetten“ findet. Gleichsam ein Wort mit langer Geschichte und schillernden Bedeutungsveränderungen: Es stand zunächst vorwiegend für die Kennzeichnung von Rebsorten, dann bezeichnete es die Etiketten auf Weinflaschen. Danach eine Variante der Porträtmalerei. Heute benutzen es Gelehrte auch für „Fallbeispiele“.

99 dieser Fallbeispiele hat Enzensberger zusammengetragen, literarische und literaturhistorische Kürzest-Biografien, die sich darauf konzentrieren, wie es Autoren im 20. Jahrhundert geschafft haben, zu überleben. Nicht nur die Widerständler und Geflüchteten, sondern auch die Angepassten, die Mitläufer, die Karrieristen. Oder die Ungeschickten.

Nach Geburtsdatum sortiert betrachtet er die Literaturgeschichte von Knut Hamsun (1859-1952) über Colette und Franz Jung bis Ismail Kadare (geboren 1936). Deutlich werden seine Sympathien für die Stilisten, Raymond Queneau, Hans Sahl und Imre Kertesz. Deutlich auch seine Abneigungen gegen die Rechthaber, den selbst ernannten Surrealisten-Papst André Breton, den Franco-Faschisten Camilo José Cela, den Nobelpreisträger Elias Canetti, über dessen Hauptwerk er sagt: „,Die Blendung‘ ist quälend, weitschweifig und erschreckend monoton.“ Überlebenskünstler sind sie dennoch alle, auch der Stalinist Johannes R. Becher, über den er notiert: „Als Revolutionär war er ein Papiertiger.“ Im Exil in Moskau trug er „von keiner Säuberung und von keinem Schauprozess Schaden davon“.

Seltene Wertung

Enzensberger wertet selten (beizeiten böse), auch wenn man merkt, wie wenig er etwa Gertrude Stein mochte und wie sehr Peter Weiss. Aber die Schubladen Held oder Verräter taugen ihm nicht für die, die ihr schwieriges Leben mit Krieg, Flucht und Terror führen mussten. Die sich dem System angedient haben wie Ernst Jünger oder Stephan Hermlin. Zwei, drei Seiten reichen für ein Porträt aus, in dem vieles nur angedeutet wird, aber doch in manchmal impressionistischer Manier die Persönlichkeit aus Enzensbergers Sicht so hingetupft wird, dass dennoch ein Bild entsteht.

Auch wenn mancher Eintrag, wie der über Anna Seghers, zu nichtssagend ist, ist das Buch insgesamt ein Lesevergnügen, auch, weil Enzensberger viele persönliche Anekdoten einstreut, denn viele dieser Autoren hat er gut gekannt oder, wie Zuckmayer, erlebt. Es ist intelligent, oft witzig und böse, konsequent subjektiv und immer mit einem feinen Gespür für innere Widersprüche, die er ohne Zeigefinger aufdeckt.