Kultur

Mainfranken Theater Gelungene Schauspielpremiere mit Dürrenmatts Klassiker „Der Besuch der alten Dame“

Jagd auf den schwarzen Panther

Mit seiner Inszenierung von Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“, der ersten Schauspielpremiere der neuen Spielzeit am Mainfranken Theater Würzburg, bleibt Regisseur Martin Kindervater der Konzeption treu, die schon Anfang April in der Domstadt mit Büchners „Woyzeck“ erfolgreich war: Kompakt und minimalistisch erzählt er von dem mörderischen Angebot der steinreichen Claire Zachanassian, die in dem später verarmten Städtchen Güllen als junge Frau von einem gewissen Alfred III verführt, geschwängert und verlassen wurde.

Vor fünf Jahren gelang es Anna Vita in den Würzburger Kammerspielen, mit einem sinnlich-emotionalen Handlungsballett den Rachefeldzug der exzentrischen Dame mit tänzerischen Mitteln neues Leben einzuhauchen.

Für Dürrenmatts Kapitalismus-Parabel über den hauchdünnen Firnis der Zivilisation, unter dem der wuchernde Kapitalismus für die Preisgabe sämtlicher moralischer Werte sorgt, hat Sina Barbra Gentsch eine aussagekräftige Ausstattung besorgt. In zwei Zeilen wird anbiedernd auf einem überdimensionalen weißen Tuch am Bahnhof von Güllen „Willkommen – Güllen grüsst Kläri“ gepinselt, wo die Dorfhonoratioren wehmütig dem Leben in Form von vorbeirasenden Schnellzügen hinterherblicken, bis das dann – bis zur Schmerzgrenze von Percussionist Tobias Schirmer untermalt – die Milliardärin Zachanassian kurzerhand in Güllen die Notbremse zieht. Der nach einem Disput mit der Zugführerin ruckelnd und quietschend wieder anrollende Zug übertönt dankenswerter Weise die offenbar spießig-servile Begrüßungsrede des Bürgermeisters.

Den vermeintlich sicheren Geldsegen vor Augen, sehen die Gastgeber lieber darüber hinweg, dass die extravagant und mondän auftretende Mäzenin einen schwarzen Sarg mit sich führt. Vergessen wollen sie ebenso, dass sie Klara Wäscher als gefallenes Mädchen in Schimpf und Schande davongejagt haben. Wie blank die verarmten Einwohner inzwischen sind, deren Betriebe Zachanassian kurzerhand zwecks Stilllegung hat aufkaufen lassen, illustriert die bis auf das Holzskelett freigelegte Unterkunft, wo die modebewusste, im edlen Kimono auftretende Rachegöttin von Bodyguard Koby und ihrem Butler Boby Koffer um Koffer aufstapeln lässt. Dieses Duo ist nur ein Teil der Entourage der Claire des Originalstücks, das mit insgesamt 34 Darstellern übervölkert erscheint.

Rachegöttin lasst frösteln

Die Würzburger Inszenierung weist den stark gekürzten Text neun Schauspielern in 13 Rollen zu, so dass die Aufführungsdauer deutlich unter drei Stunden sinkt. Die Bezüge zur antiken Tragödie mit ironisch-zynischen Kommentaren des Lehrers fallen dem Rotstift nicht zum Opfer.

Maria Brendel tritt souverän als Weltbürgerin auf, die gewohnt ist, alle Probleme mit ihrem Reichtum lösen zu können. Regelrecht frösteln lässt ihre unerbittliche Konsequenz, mit der sie ihren lange vorbereiteten Racheplan in die Tat umsetzt. Einen Anflug von Sympathie vermag sie bei ihrem Gespräch mit Alfred Ill einzuheimsen, als sie ihren Schutzpanzer ablegt und ohne zynisch zu werden ihre tiefen Verletzungen und innere Einsamkeit offenbart.

Läuterung zum tragischen Helden

Im Mittelpunkt des Stücks steht Alfred Ill, der vom designierten Bürgermeister in Güllen, der seine Jugendsünde längst verdrängt hat, auf Betreiben von Claire zum Todeskandidaten wird. Den Wandel vom harmlosen und biederen Krämer zum tragischen Helden, der zunächst alles unternimmt, um dem Schicksal zu entkommen, dann es aber geläutert annimmt und nicht aus Güllen flüchtet, bringt Stefan Lorch emotional packend auf die Bühne.

Einen inneren Wandel vollzieht auch der Lehrer, den Bastian Beyer scheinbar als die moralische Instanz von Güllen verkörpert. Denn er wehrt sich lange gegen die immer stärker werdende Versuchung des Geldes, greift zum Alkohol und wird zum Wortführer in der Gemeindeversammlung für die Verurteilung Ills.

Dabei hat Bastian Beyer seine stärksten Szenen mit seiner Forderung nach Gerechtigkeit, die zur blanken Satire gerät. Die weiteren Charakterzeichnungen von Dürrenmatt bleiben vergleichsweise eindimensional; einen Sinneswandel vollzieht noch der Bürgermeister, den Anton Koelbl als pragmatischer Lokalpolitiker spielt, der vom Förderer des Alfred Ill, zu einem Gegner wird, der auf einen Selbstmord spekuliert. Vom Wohlstand und der Verheißungen der Konsumwelt geblendet, verkörpern Barbara Schöller Frau Ill und Christina Theresa Motsch mit Bravour zwei einfache Gemüter, die seltsam immun gegen die lebensbedrohliche Lage des Familienvaters wahllos Einkäufe auf Pump tätigen. Steffen Lehmitz hat seine stärksten Szenen nicht als einer die Obrigkeit verkörpernder Polizist, sondern als Pfarrer, der den verzweifelten Alfred mit belanglosen Floskeln abspeist.

„Ängstlich wie ein gehetztes Tier“ sieht sich Ill in der gleichen Lage wie der von Claire mitgebrachte Panther, der zufällig entwischt ist und von allen Einwohnern Güllens gejagt wird. Einst hatte Klara den Alfred zärtlich ihren schwarzen Panther genannt. Matthias Fuchs als Claires Butler Boby hat einen unerwarteten Auftritt, als er von seinem Urteil als damaliger Oberrichter Hofer in Güllen berichtet, der wegen zweier bestochener Zeugen gegen Klara statt gegen Alfred entschied. Herbert Brandt verkörpert mit beachtlicher Bühnenpräsenz als Koby einen dieser von Claire geblendeten Zeugen des Vaterschaftsprozesses. Wie hoch der Preis ist, den Güllen und seine Bürger für den teuer erkauften Wohlstand zahlen müssen, bleibt im Verborgenen.