Kultur

James’ „Begegnungen“

Der amerikanische Erzähler Henry James (1843-1916) erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Daher wurde nun auch seine 1864 anonym erschienene Debüterzählung „Tragödie eines Irrtums“ übersetzt und mit drei weiteren Geschichten den hier vorgelegten „Vier Begegnungen“ vorangestellt. Sie spielen alle im Umkreis jener damals so beliebten Schiffsreisen quer über den Atlantik in die voller Sehnsucht, Neugier oder Scheu imaginierte, da als Ort der Zukunft angesehene Neue Welt. So steht der Ozean sinnbildhaft für die Entfernung zwischen den Figuren, jene namenlose Fremdheit, die kein höflicher gesellschaftlicher Umgang überbrückt. Die Frauen dominieren dies präzise ausgeleuchtete Szenario. Da ist die bis zur Selbstaufgabe unterwürfige Caroline Spencer, klarer Gegenpol zu der resoluten Pandora, die als emanzipiertes Selfmadegirl das neue Weiblichkeitsidol verkörpert, die schelmische Aurora Church, die ihre Mutter in der Alten Welt vergebens zu verkuppeln suchte, endlich Madame Bernier, die Ehebrecherin, die bei der Heimkehr ihres Mannes gar ein Mordkomplott ersinnt – sie alle leihen dem verblüffend einfallsreichen Jamesschen Kosmos so subtil wie drastisch ihre Farben. Eine sehr erfrischende Lektüre. dss

Vier Begegnungen. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Mirko Bonné, mare Verlag, 271 S., 28.- Euro