Kultur

Schauspielhaus Stuttgart Armin Petras verabschiedet sich von seiner Wirkungsstätte

Jeder Aufbruch ist eine Illusion

Archivartikel

Mit seinem Markenzeichen – Dramatisierung von Romanen –, was über die Hälfte seines Spielplan-Angebots ausmachte, verabschiedet sich Armin Petras, seit 2013 Intendant des Staatsschauspiels Stuttgart, als Regisseur von seiner Wirkungsstätte.

In einer Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus präsentiert er im Schauspielhaus Stuttgart „1984“ in einer eigenen Bearbeitung, „nach dem Roman von George Orwell“.

Bereits seit 1943 geplant, ist, der Roman 1949 erschienen, der in der damals „näheren Zukunft“ spielt, in der die Supermächte Oceania, Eurasia und Estasia ständig im Krieg miteinander liegen und auf britischem Boden eine Partei-Oligarchie, mit dem „Great Brother“ an der Spitze das Sagen hat.

Schreckensbild

Da gilt weder historische Wahrheit noch Gerechtigkeit. Ausgangspunkt von George Orwell in seinem visionär-futuristischen Roman ist die Befürchtung, die englischen Intellektuellen könnten den Lockungen totalitären Machtdenkens erliegen. Dieses Schreckensbild wird in einer Geschichte abgehandelt.

In deren Mittelpunkt stehen Winston Smith, der in einem Ministerium arbeitet, dem System aber ablehnend gegenübersteht, seine Geliebte Julia – wobei diese Liebe schon ein Verstoß gegen die staatlichen Vorschriften ist –, mit der zusammen er versucht, gegen die Parteidisziplin Stellung zu beziehen, O’Brien, das Mitglied einer Untergrundorganisation, in dem er einen Gesinnungsgenossen gefunden zu haben glaubt, sich aber irrt und in eine Falle tappt, und selbstverständlich „Great Brother“.

Kein Profil gewonnen

Wer „1984“ kennt, wird die Geschichte in der in Stuttgart aufgeführten Dramatisierung noch in groben Zügen erkennen, die anderen werden es schwer haben. Dass das Ganze in einem totalitären Staat spielt, ist auszumachen, ebenso die ausgesprochene Botschaft: „In Zukunft wird es keine Demokratie geben, nur Oligarchie“ und Brothers Credo: „Woran wir uns erinnern, das ist wahr“. Weil sich George Orwells komplexes Anliegen aber doch nicht in Monologen und Dialogen abhandeln lässt, greift der Bearbeiter Armin Petras immer wieder auf die Erzählform zurück, zumal die Protagonisten durch Text und Spiel allein kein Profil gewinnen.

So zieht der Regisseur Armin Petras eine große Show ab, die, einschließlich einer Pause, drei Stunden dauert, bei der auch Stroboskop-Licht eingesetzt und wegen „lauter Passagen“ Gehörstöpsel verteilt werden.

Für diese lauten Passagen ist aber nicht nur die vierköpfige Band „Woods of Birnam“ (Christian Friedel, Christian Grochau, Philipp Makolles, Uwe Pasora ) verantwortlich, die auf der Bühne platziert ist, eigene Kompositionen zum Besten gibt, durchaus aber auch leisere Töne anklingen lässt, sondern auch die Lautstärke, deren sich die mit Mikroports ausgerüsteten Schauspieler bedienen. Da wird immer wieder gebrüllt, dann gibt es Kunstpausen, banales Geschwätz und nicht wenige Donnerschläge im Lauf des Geschehens. Pseudo-moderner Ausdruckstanz – Choreografie: Denis „Kooná“ Kuhnert – steht auf dem Programm, dazu turnerische Bodenübungen. Manchmal geht es brutal zur Sache, sodass reichlich rote Blutfarbe fließt. Für das Bühnenbild, eine Drehbühne mit durchbrochenen Wänden und einem sich von oben herabsenkenden und dann wieder dorthin verschwindenden zylindrischen Gebilde in Schwarz, zeichnet Olaf Altmann verantwortlich.

Über Zuschauer geklettert

Dort agieren die von Annette Riedel teils bunt kostümierten Schauspieler und bewegen sich zuweilen im Kreis. Weil aber die Bühne offensichtlich zu klein ist, begeben sich auch zwei von ihnen in den Zuschauerraum und klettern dort über die Reihen der Besucher.

Christian Friedel, der Vokalist und Keyboarder von „Woods of Birnam“, hat nicht nur die musikalische Leitung des Spektakels, er gibt dazu noch den Brother. Ansonsten profilieren sich aus dem Ensemble noch Robert Kuchenbuch als Winston Smith, Lea Rockpaul als Julia und Wolfgang Michalek als O’Brien.

Armin Petras, dem scheidenden Intendanten, auf den zu Beginn der kommenden Spielzeit Burkhard C. Kosminski, der Schauspiel-Intendant des Nationaltheaters Mannheim, folgt, sei hinsichtlich seiner Roman-Dramatisierungen ein Satz ins Stammbuch geschrieben, der in der Aufführung einmal fällt: „Jede Revolution, jeder Aufbruch ist eine Illusion“. Dieter Schnabel