Kultur

Filmfestival Locarno Heute werden die Auszeichnungen vergeben / Deutsche Beiträge stehen hoch im Kurs, Jürgen Vogel könnte Publikumsprämierung erhalten

Johanna Wokalek darf auf "Leoparden" hoffen

Wer bekommt heute Abend bei der Preisverleihung die "Leoparden" beim internationalen Filmfestival in Locarno? Zwei Namen fallen im Vorfeld besonders häufig: die der Schauspielerin Johanna Wokalek aus Deutschland und ihres US-amerikanischen Kollegen Harry Dean Stanton.

Johanna Wokalek gilt unangefochten als Favoritin für die Auszeichnung als beste Schauspielerin. Ihr feinnerviges Porträt einer 40-Jährigen Frau, die überraschend ihren Mann und ihre zwei Kinder verlässt, im Familiendrama "Freiheit" von Regisseur Jan Speckenbach bekam einhelligen Beifall. Hollywood-Alt-Star Harry Dean Stanton hat als 90-jähriger philosophischer Kauz in der melancholischen Komödie "Lucky" (Regie: John Carroll Lynch) begeistert. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass er nicht als bester Schauspieler geehrt wird.

Weit auseinander gehen hingegen die Meinungen, welcher Film den Hauptpreis, den "Goldenen Leoparden", gewinnt. Von den 18 Beiträgen des Wettbewerbs kommen einige in Frage. Die Jury unter Vorsitz des französischen Regisseurs Olivier Assayas ("Carlos - Der Schakal"), prominent besetzt auch mit der österreichischen Schauspielerin Birgit Minichmayr, hat die Qual der Wahl. Soll gutes Erzählkinos ausgezeichnet werden, haben "Freiheit" und "Lucky" gute Chancen. Wollen die Juroren stilistischen Wagemut prämieren, dürften die französisch-portugiesische Gesellschaftsparabel "9 Finger" (Regie: F.J. Ossang) oder die chinesische Lovestory "Libellenaugen" von Xu Bing vorn liegen.

Bevorzugen die Juroren jedoch politisch ambitioniertes Kino, könnte der filmische Anti-Rassismus-Essay "Hast Du drüber nachgedacht, wer geschossen hat?" vom US-Amerikaner Travis Wilkerson den Hauptreis erhalten. Dann hat aber ebenso die palästinensische Vater-Sohn-Geschichte "Pflicht" gute Chancen.

Starke Konkurrenz

Gleich mehrere Filme kommen für die Auszeichnung mit dem Publikumspreis in Frage. Er wird an einen der außerhalb des Wettbewerbs gezeigten Filme der abendlichen Freiluftaufführungen auf der Piazza Grande vergeben. Deutschland darf hoffen: Das Historienepos "Iceman" ("Der Mann aus dem Eis") mit Jürgen Vogel als "Ötzi" und das Familiendrama "Drei Zinnen" mit Alexander Fehling liegen gut im Rennen.

Doch auch hier ist die Konkurrenz stark. Kandidaten für den Publikumspreis sind zudem das französische Drama "Lola Pater" mit Fanny Ardent, das US-Action-Spektakel "Atomic Blonde" mit Charlize Theron, die italienische Tragikomödie "Liebesgeschichten, die nicht von dieser Welt sind" mit der in ihrer Heimat durch das Fernsehen sehr populären Schauspielerin Lucia Mascino und die US-amerikanische Romanze "The Big Sick".

Doch es ist genauso möglich, dass Jury und Publikum an den Erwartungen vorbei entscheiden. Sicher ist derzeit nur: Die 70. Ausgabe des nach Cannes, Berlin und Venedig wichtigsten Filmfestivals der Welt hat eine reiche Ernte gebracht. dpa