Kultur

Staatsoper Stuttgart Die Ära des Intendanten geht zu Ende

Jossi Wieler schockiert beim Finale

Archivartikel

Trümmer auf der Bühne, gespenstische Töne, Leichen an vielen Stellen – Intendant Jossi Wieler wählt als Regisseur einen extrem düsteren Abschied von der Staatsoper Stuttgart. Hier hat sich der Schweizer in den vergangenen 25 Jahren als einer der angesehensten Opernregisseure profiliert. Sein vorerst letztes Werk in Stuttgart ist nun die Uraufführung der Oper „Erdbeben.Träume“ des Komponisten Toshio Hosokawa.

Der Japaner erlebte selbst, wie ein Erdbeben 2011 in seiner Heimat einen Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima auslöste. Seine künstlerische Aufarbeitung dieser schockierenden Tragödie klingt zeitweise schaurig wie in einem Geisterfilm. Wind pfeift, Wassertropfen platschen, es donnert. Verstärkt werden diese apokalyptischen Klänge von der klaren Sprache des Librettisten Marcel Beyer.

Es geht um eine verbotene Liebe zwischen der Schülerin Josephe (Esther Dierkes) und ihrem Privatlehrer Jeronimo (Dominic Große), sie bekommt ein Kind von ihm; die Mutter und das Kleine werden am Ende erschlagen: „Wie sein geborstener Schädel glänzt, wie die Hirnmasse in der Sonne schimmert“, dichtet Beyer über das tote Kind. Der Büchner-Preisträger hat dazu Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ (1806) ins Heute geholt.

Von menschlichen Abgründen

Was so brutal daherkommt, ist die Auseinandersetzung mit Zivilisationskatastrophen und der Gebrechlichkeit der Welt, mit der Gewalt der Natur und des Menschen. Beyer, Wieler, Dramaturg Sergio Morabito und Bühnenbildnerin Anna Viebrock haben sich selbst voriges Jahr davon ein Bild vor Ort in Fukushima gemacht. Es herrscht Endzeitstimmung.

Die Szene, Beyers Text und die von Sylvain Cambreling am Pult effektvoll auch mit Posaunen und vier Schlagzeugen zum Klingen gebrachte Musik Hosokawas machten das Premierenpublikum zwar glücklich. Fröhlichere Töne gibt es aber bis Ende des Monats bei einer dem Abschied Wielers gewidmeten „Hochsaison“ mit vielen Open-Air-Shows. Viktor Schoner folgt Wieler nach.

Um menschliche Abgründe ging es in vielen der inzwischen 35 gemeinsamen Produktionen Wielers und Morabitos. 1993 hatte der damalige Intendant Klaus Zehelein den Schauspielregisseur Wieler und den Dramaturgen und profunden Opernkenner Morabito in Stuttgart zusammengebracht. dpa