Kultur

Pop Die Band Get Well Soon mit dem Mannheimer Frontmann Konstantin Gropper begeistert in der Hamburger Elbphilharmonie vor ausverkauftem Haus

Jubel für orchestralen Zauber

Noch ist die Bühne leer, na ja, fast leer. Vor den Plätzen der Musiker stehen Schwarzweißzeichnungen, die alptraumhafte Wesen zeigen. Sie ziehen den Betrachter in eine kafkaeske Welt hinein, bevor beim Get-Well-Soon-Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie überhaupt der erste Ton gesungen oder gespielt wird. Und lassen nicht den geringsten Zweifel daran, welches Werk an diesem Abend im Mittelpunkt steht: das neue Album „The Horror“ – eine Platte voll orchestraler Musik über die Angst.

Dieses Konzept scheint dem Publikum indes keine Furcht einzuflößen. Im Gegenteil: Mit tosendem Applaus werden Get Well Soon & Grand Ensemble begrüßt. Im Hintergrund stellen sich die Streicher neben den Bläsern auf. Im Mittelfeld positionieren sich der Gitarrist, der Bassist, der Keyboarder, der Schlagzeuger. In der ersten Reihe steht die Keyboarderin und Sängerin Alexandra Mayr dem Mannheimer Sänger und Multiinstrumentalisten Konstantin Gropper zur Seite.

Ein Lied zum Geburtstag

Eindrucksvoll performen sie mit „Future Ruins pt. 2“ das Eröffnungsstück der CD, dann arbeiten sie sich an den anderen „The Horror“-Nummern ab. Zwischendurch gibt es auch ein paar ältere Titel. Mit „You/Aurora/You/Seaside“ packen Get Well Soon eine Komposition aus, die sie seit einer Ewigkeit nicht mehr live gespielt haben. „33“, erzählt Gropper, habe er sich einst selber zum Geburtstag geschenkt.

Inzwischen zählt er fast 36 Lenze, sieht aber in seinem grau karierten Anzug, mit seiner Seitenscheitelfrisur und seinem jungenhaften Gesicht immer noch aus wie ein Oberprimaner. Er ist ein Fan von den Gesangsharmonien eines Frank Sinatra, ein unverbesserlicher Melancholiker.

Selbst wenn er am Schluss in dem Lied „(Finally) A Convenient Truth“ mit Sätzen wie „So join hands in the horror unite! Together let’s stand in the darkest night“ das Wir-Gefühl schürt, schwingt da eine gewisse Traurigkeit mit. Doch kein depressiver Grundton. In einer Reihe mit diesen dauerhaft unglücklichen, vom Schicksal gebeutelten Künstlern steht Gropper gewiss nicht. Dazu geht er bei seinen Auftritten zu gern aus sich heraus. Bisweilen hat man gar das Gefühl, seine Gitarre ergreift Besitz von ihm.

Wie in Ekstase krümmt er sich, während er mit seiner Bariton-Stimme seine Zuhörer in seinen Bann schlägt. Dabei wird er mal in rotes, mal in blaues Licht getaucht, manchmal zucken gelbe Lichtblitze um die Musiker herum.

Politische Position vertreten

So geht es von Song zu Song. „The Only Thing We Have To Fear“ enthält eine gute Dosis Sozialkritik, nein, besser: Mit diesem Stück positioniert sich Gropper politisch. Wenn er von „Nazi bitches“ in seiner Nachbarschaft singt, nimmt er Bezug auf Frauke Petry, ehemals AFD, die am Rande einer Wahlveranstaltung in Mannheim gefordert hatte, Flüchtlinge notfalls mit Waffengewalt von der deutschen Grenze fernzuhalten. Diese Anspielung kommt in diesem Moment wohl nicht bei allen an, dafür packt die Musik jeden.

Pomp kontrastiert hier mit filigranen Keyboard-Passagen. Nicht minder fesselnd: das perlende „(How To Stay) Middle-Class“, das Gropper eindringlich anmoderiert. „Was uns aus dem Bett treibt“, sagt er, „ist die Angst vor dem sozialen Abstieg.“

Mit ihr beschäftigt sich der muskulöse Sportler, der bei „Nightjogging“ Laufgeräusche erzeugt, vermutlich gerade nicht. Genauso wenig wie Sam Vance-Law. Normalerweise spielt er Geige, bei „Nightmare No. 2 (Dinner at Carinhall)“ gesellt er sich für ein Duett zu Gropper, während die Flöte lieblich tiriliert. Ist das noch zu steigern? Ja, mit „Roland, I Feel You“. Der Höhepunkt der Show kriegt minutenlangen Beifall.

Grandiose Darbietung

Was für beeindruckende Momente! Kein Wunder, dass die Zuschauer Get Well Soon selbst nach vier Zugaben überhaupt nicht mehr gehen lassen wollen. Sie zollen den Musikern mit Standing Ovations und Jubel Tribut. Für einen Sound, der zwischen sanften Ohrwurm-Melodien und aufwühlenden Klängen changiert. Für orchestrale Grandezza. Für Texte, die den Schrecken des (Sur)Realen reflektieren. Für eine grandiose Darbietung.

Info: Mehr Bilder zum Konzert unter morgenweb.de/kultur

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