Kultur

Pop Xavier Naidoo überzeugt als Juror bei „Deutschland sucht den Superstar“, Dieter Bohlen findet weiterhin harte Worte  

Juror Xavier Naidoo und Kandidat Nico Specht überzeugen beim DSDS-Start

Beim Aufgalopp zur 16. Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) spart RTL nicht an Superlativen: Von der „Mutter aller Castingshows“ ist da die Rede - obwohl die eigentlich „Popstars“ hieß. Eingeführt wird die „beste Jury aller Zeiten“ mit Showchef Dieter Bohlen, Profitänzerin Oana Nechiti, dem früheren DSDS-Sieger Pietro Lombardi und dem Mannheimer Popsänger Xavier Naidoo. Die soll den „größten Talenten, die dieses Land zu bieten hat“ auf den Zahn fühlen. Tatsächlich gibt es unter den ersten elf Kandidaten zu Beginn der vor rund zwei Monaten aufgezeichneten Auswahlrunde immerhin zwei wirklich exzeptionelle Stimmen zu hören.

Neben dem strengen, aber gewohnt konstruktiven „Professor Ton“ Naidoo erweist sich auch die Sichtweise der aus „Let’s Dance“ bekannten Nechiti durchaus als Bereicherung. Die Kandidaten sind trotzdem überwiegend auf Bohlen fixiert: Sechs von ihnen wählen den Poptitanen als Jury-Joker, dessen Stimme im Zweifel doppelt zählt; je zwei setzen auf Nechiti und Naidoo, einer auf Lombardi.

Die neue Jury hatte trotz Naidoo als Zugpferd keinen extrem positiven Effekt auf die Einschaltquoten der RTL-Show. .Laut dem Fachportal quotenmeter.de sahen 4,26 Millionen Zuschauer über drei Jahren die Auftaktfolge am Samstag zur besten Sendezeit. Das entspricht einem Marktanteil von 13,3 Prozent (Vorjahr: 4,57 Millionen, 13,5 Prozent). Das ZDF erreichte mit der Krimireihe „Ein starkes Team“ 7,98 Millionen Zuschauer die größte Resonanz am Samstagabend. 2011 verfolgten noch 7,47 Millionen den DSDS-Start. In der für Privatsender werberelevantesten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen gelang der RTL-Castingshow jetzt mit 22,8 Prozent Marktanteil (Vorjahr: 22,3) und 2,09 Millionen Zuschauern allerdings der Tagessieg, was quotenmeter.de als stark einstuft.

Mannheimer kommt weiter

Bestens aufgelegt zeigt sich der Mannheimer Nico Specht, der jeden Quatsch mitmachen muss: Wegen seiner Erfahrung als TV-Komparse, wird der 23-jährige Kampfsportler erstmal schauspielerisch gefordert. Während er singt, hampelt Lombardi in Boxer-Manier um ihn herum. Das macht Spechts Version von Rammsteins „Hallelujah“ (nicht „Donaukinder“, wie es RTL vorab in den Presseinformationen falsch mitgeteilt hatte) nicht taktfester. Vor seinem Landsmann Naidoo („Aus Monnem? Warum kenn’ isch disch net?“) findet er damit keine Gnade, kommt aber mit den Ja-Stimmen von Lombardi und Joker Bohlen weiter.

Sie erkennen den vollen Einsatz des Rammstein-Fans an, der vor allem die Kritik des Chefjurors „cool“ findet: „Er hat mir auch noch Tipps gegeben, zum Beispiel, dass ich beim Rock bleiben soll“, erzählt Specht im Gespräch mit dieser Zeitung. Bohlen schickt ihm nach dem Auftritt auf dem Drachenfels noch hinterher: „Wenn du dem ne Britney-Spears-Nummer gibst, wird’s lustig.“ Naidoo kontert trocken: „Die hört sich wahrscheinlich genau so an.“

Der allererste Kandidat Davin Herrbrüggen rockt sich sehr solide durch den Bob-Seger-Klassiker „Old Time Rock ’n’ Roll" und reißt die komplette Jury mit. Naidoo staunt, wie souverän der 20-Jährige mit einem Song klar kommt, der lange vor dessen Geburt ein Hit war. Der Altenpfleger aus Oberhausen legt auch die Latte für den besten Gag der Staffel hoch. Lombardi fragt ihn, „krass weiße Zähne hast du. Was machst Du?“ Herrbrüggens bodenständige Antwort: „Zähneputzen“. Da sage noch einer, DSDS sei plattes Unterhaltungsfernsehen und man lerne nichts fürs Leben.

Mit starker Soulröhre und „Happy“ setzt sich die Aalenerin Christina Horn durch, die ihr Stottern unter anderem durch Singen konterkariert. Auch die Saarbrückenerin Lisa Vuoso schlägt sich so wacker, dass sie weiterkommt.

Zwei Juwelen

Absolut überragend: Die Friseurin und gesangliche Autodidaktin Angelina Mazzamurro aus Erwitte, die Höchstschwierigkeiten aus Adeles „One And Only“ wie ein Kinderspiel aussehen lässt. „Das ist der Wahnsinn“, urteilt Bohlen. „Für so was machen wir den Scheiß!“, jubelt Naidoo, „das Frisieren war nur eine Zwischenstation“. Eine Favoritin. Noch übertroffen wird sie von Alicia-Awa Beiwert aus Bochum, die den Mannheimer mit Rihannas „Stay“ an der Seite ihrer Mutter zu Tränen rührt: „Dafür bin ich hier.“ Da sie in den Augen von Bohlen „Bombe aussieht“, „mega singt“ und schon die ultimative Ausstrahlung eines Stars habe, könnte man die 21-Jährige eigentlich gleich ins Tonstudio schicken und ihr den Rest der Staffel ersparen. Immerhin gibt Nechiti der Sängerin mit der ausgereiften Soulstimme die „Goldene CD“, so dass sie gleich in die dritte Runde springt.

Das Kontrastprogramm: Schon beim zweiten Teilnehmer verzieht Naidoo unter Schmerzen das Gesicht. Der Nürnberger Alpay Özkuk nimmt es mit Michael Jacksons „Beat It“ auf - und trifft in ziemlich genau einer Zeile die Töne. „Klingt ein bisschen nach Fischvergiftung. Oder Verstopfung“, befindet Bohlen. Aber auch dieser Kandidat hat die Lacher auf seiner Seite (Naidoo: „Ich hab’ Spaß“) und darf sich noch an einer Bruno-Mars-Ballade versuchen. Der Mannheimer sieht hinter den schief gepressten Tönen nicht zu Unrecht eine gewisse Musikalität, aber das reicht bei weitem nicht zum Weiterkommen.

Die junge Finanzwirtin Marianna Jeannine Göttl fängt sich für Meghan Trainors „Lips Are Moving“ unter anderem den Spruch „Jedes Schnitzel singt besser als du (...) Schnuckelhase“ von Dieter Bohlen ein. Die 22-Jährige will noch nachlegen, Naidoo nimmt sie mitten im zweiten Lied einfühlsam am Arm, geht mit ihr aus der Kulisse und verschafft ihr so noch einen starken Abgang.

Pforzheimer legt es auf Eklat an

Auf Krawall gebürstet sorgt die selbst ernannte „Prinzessin“ Fabrizio Giordano für Aufregung. Seine bodenlose Interpretation des Amy-Winehouse-Hits „Rehab“ wird nur noch vom Ausmaß seiner Kritikunfähigkeit unterboten. Offensichtlich hat der 21-jährige Pforzheimer entweder den Eklat bewusst gesucht. Oder er hängt dem Irrglauben an, dass verbaler Schlagabtausch bei einem Gesangswettbewerb weiterführend sein könnte. Die tief beleidigte Nechiti zeigt ihm nicht nur, wo die Tür ist, sie schmeißt ihn regelrecht raus.

Die beliebte skurrile Seite von DSDS bedient auch Stephanie Rios-Saab zunächst mit einer etwas eigenwilligen Tanzeinlage. Toni Braxtons R&B-Ballade „Un-Break My Heart“ bewältigt sie aber mit erstaunlichem Stimmumfang. So kommt die 30-Jährige weiter, ob wohl Bohlen sie „etwas paddelig“ findet - zu Hochdeutsch charmant-verpeilt. Definitiv ein Rohdiamant.

Eine Lektion fürs Leben bekommt Cansel Bakay, für die „Drunk In Love“ von ihrem Idol Beyoncé mehr als eine Nummer zu groß ist. Der von ihr seit Kindestagen verehrte Bohlen liest ihr knallhart („faule Bratze“), aber trotzdem einfühlsam die Leviten, Naidoo rät ihr zur Konzentration aufs Wesentliche eines Lieds. Prompt präsentiert sich die 19-Jährige aus Eppstein bei ihrer zweiten Chance wie ausgewechselt und legt eine recht eigenständige, unverschnörkelte Version von Ed Sheerans „Perfect“ nach - eine verblüffte Jury und vier-Ja-Stimmen sind der Lohn.

Fazit: Es wird sehr viel gelacht. Das mag zwar schön für die Chemie in der Jury sein, führt aber besonders krachend gescheiterte Kandidaten weiterhin vor. Auch wenn Bohlen väterlicher agiert als früher, teilt er mitunter schon noch massiv aus - und die #Metoo-Debatte ist an dem 64-Jährigen völlig vorbeigegangen. Auch selbst ohne sexistische Fremdschäm-Einlagen und schnoddrige Scharfrichterurteile, blliebe das Hauptproblem von DSDS bestehen: Immer noch werden hier junge Menschen ins Rampenlicht gestellt, die der Situation nicht gewachsen sind und sich auch dann blamieren, wenn die Jury nicht auch noch Faxen dazu macht. Dass eine Castingshow die Schadenfreude nicht bedienen muss, haben „The Voice Of Germany“, unter anderem dank Naidoo, und „X-Factor“ gezeigt.

Die weiteren Folgen zeigt RTL ab Dienstag, 8. Januar, dienstags und samstags jeweils um 20.15 Uhr.

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