Kultur

Theater Musikhochschule mit „Reigen“ im Schauspielhaus

Kater nach Koitus

Archivartikel

Wo die Frauen Mizzi und die Männer Strizzi heißen, wo man sich im Chambre séparée zum Techtelmechtel trifft, herrscht auch nicht immer alter Wiener (Operetten-) Schmus. In seinem Schauspiel „Reigen“ möchte Arthur Schnitzler vielmehr vorführen, wie „das Verlockende von schweren Schatten überdeckt“ wird. Dieser triste Staffellauf der Liebe ist als Satyrspiel des Sexus zu verstehen und erinnert manchmal fast an einen Totentanz.

Geheuchelte Leidenschaft

Aus dem vermeintlichen Skandalstück hat Philippe Boesmans nach einer Textversion von Luc Bondy eines der wenigen (beinahe) zeitgenössischen Musiktheaterwerke komponiert, das repertoiretauglich geworden ist. Die Mannheimer Musikhochschule hat es einstudiert – und zeigt es auch im Schauspielhaus des Nationaltheaters.

Typisch Wienerisches geistert nur zu Anfang durch die Szenerie: In Videoprojektionen (Philipp Ludwig Stangl hat sie eingerichtet) scheint sich in verfremdeten Schwarzweißbildern das Riesenrad im Prater zu bewegen. Aber derlei Projektionen werden weniger und machen einer stimmigen Regie mit ausgeklügelter Figurenzeichnung Platz.

Andreas Baesler hat ein feines Händchen für die tragikomischen Momente, für die Allgemeinplätze des Liebesakts, davor, danach – und währenddessen sowieso. Etwa, wenn sich der junge Herr sogar beim Koitus als Fliegenfänger outet. Und der Gatte lustig kläglich daran scheitert, echte Leidenschaft zu heucheln: Denn so müde und so lustlos hat „So lieb!“ wohl noch nie geklungen.

Junger Herr und Ehemann werden von Shengwu Ou und Dongjun Choi gesungen und – in den prosaisch-peinlichen Momenten nach dem Liebesakt – gesprochen. Aber eine Sprachbarriere macht sich kaum bemerkbar, aus dem Nachwuchs der Musikhochschule müssen überdies die Sängerin, das „süße Mädel“ und das Stubenmädchen unbedingt hervorgehoben werden: Yeani Lee, Nadja Kaiserseder, Merit Eiermann. Und das Orchester unter Cosima Sophia Osthoff leistet unbestechliche Beziehungsanalyse. HGF