Kultur

Das Porträt Violinist Ray Chen reist für die Musik um die Welt - nun ist er beim "Modern Times"-Festival zu hören

Keine Zeit für Müdigkeit

Wer nur seine Videos auf Youtube oder Facebook kennt, könnte Ray Chen für einen Harlekin der Klassischen Musik halten, zum Rebell geradezu geboren - doch wer dem 28-jährigen Australier einmal das Ohr geliehen hat, wird Worten und Sätzen von Substanz und Überzeugung lauschen, wie sie nur wenige Persönlichkeiten in seinem Alter denken und sagen.

14.30 Uhr im Ludwigshafener Café König, der Jetlag sitzt. Kaum einen halben Tag ist es her, dass er beim Enescu-Festival im rumänischen Bukarest in letzter Minute mit einem Recital einsprang. Beethoven, Saint-Saëns, Bach - das ist selbst für einen aufstrebenden Jungkünstler wie Chen kein Programm aus der Westentasche. Der Flug in aller Herrgottsfrühe, die Probe mit der Deutschen Staatsphilharmonie zum "Modern Times"-Auftakt direkt im Anschluss: Der junge Mann, der in Taiwan das Licht der Welt erblickte, hätte jeden Grund zur Müdigkeit - doch die Einsicht siegt.

"Das gibt es sonst nur im Zirkus: Dein Leben lang trainierst du schon wie ein Profi, doch erst langsam wirst du als das gesehen, was dir doch schon immer klar war", sagt er. Und Ray Chen war sehr früh klar, dass die Klassik "eine Art Bestimmung" für ihn sein würde. Da konnten ihm Konkurrenten lange vorwerfen, die Suzuki-Methode, nach der er sich das Spiel durch Hören aneignete, zerstöre jede Kreativität: "Meine hat es nicht zerstört."

Konkurrenz dient der Inspiration

Stattdessen reifte in dem jungen Musiker ein neugieriger Forscher heran, der sich auf der Suche nach mehr auf einen "Doppelweg zwischen Expedition und Kommunikation" begab, um musikalische Sprache in ein Erlebnis hörbarer Rührung zu verwandeln. Während es die meisten Instrumentalsolisten heute dringend vermeiden, sich Aufzeichnungen von Konkurrenten anzuhören, suchte Chen genau nach diesen Reizen - und fand darin eine tiefe Inspiration.

"Am Anfang ist es wie Karaoke, aber irgendwann ergeben sich die kleinen Varianzen ganz organisch - und du musst sie einfach nur noch geschehen lassen." Schon Goetz Richter, der Chen am Konservatorium von Sidney prägte, sah in dem jungen Mann "einen der begabtesten und vollkommensten Geiger Australiens" nach oben streben, und auch Granden wie Maxim Vengerov bestätigten diesen Nimbus spätestens nach dem Sieg des damals 19-Jährigen beim Yehudi-Menuhin-Wettbewerb in Cardiff.

Doch nicht die Siegesplaketten sind es, die Ray Chens bedachten und dennoch so kraftvollen Bogenstrich beachtenswert machen - es ist die Philosophie, die damit verbunden ist. Denn weder will sich der Australier devot der Mission des Komponisten unterwerfen, noch will er sein Ego über den Kern der künstlerischen Ideen stellen: "Wenn ich die Partitur mit allem, was sie bedeutet, als Flüssigkeit verstehe, bin ich der Schwamm, der sie aufnimmt und weitergeben wird. Je nachdem, welchen Eigengeschmack ich als Schwamm in mir trage, wird mein Publikum das pure Ausgangsprodukt, oder eben etwas Neues schmecken, das ich hinzugebe. Und ja: Ich bin der Schwamm, der seinen starken Geschmack niemals verstecken wird."

An Zufriedenheit denkt Ray Chen zwar niemals, wie er sagt - dafür ist der junge Solist viel zu sehr vom Reichtum technischer und interpretatorischer Gedankenspulen zwischen Dawid Oistrach und Sascha Heifetz, zwischen russischer Härte und französisch-belgischer Filigranität fasziniert.

Wie ein Getriebener wirkt der 28-Jährige deswegen jedoch mitnichten. Vielmehr wie ein bedachter und gleichsam gedankenscharfer Künstler, der die sozialen Strömungen rund um die Klassik nicht nur humorvoll in seinen Videos, sondern auch mit harter Ehrlichkeit zu hinterfragen weiß: "Es gibt noch immer eine Elite, die die Klassik gerne exklusiv und für sich behalten möchte - doch wenn ich heute in mein Publikum blicke, sehe ich da Menschen zwischen fünf und 95 Jahren. Alle mit eigenen Bedürfnissen, die gehört werden wollen. Und genau daran müssen wir uns wieder gewöhnen: Dass nicht nur uns auf der Bühne zugehört wird, sondern dass auch wir zuzuhören haben."

So spricht einer, der den Wandel in der Branche nicht als Attacke, sondern als "des Sinnes Speise" erkannt hat, um Vielfalt im wahrsten Sinne des Wortes als Progressivität zu begreifen. "Ich weiß zwar", sagt er, "dass ich mit meiner Erfahrung eher unsicherer werde, ob mein Weg wirklich der Richtige ist, doch im fixierten Konzertaugenblick wächst meine Botschaft zu etwas Eigenem - und so wird es auch bei Britten sein, der mit der Staatsphilharmonie so viel Schostakowitsch und Korngold an sich hat: Ein Gang durch das zerbrochene Dystopia, und plötzlich ist da diese Blume, die uns Hoffnung schenkt - was für eine wundervolle Botschaft."