Kultur

Zehn Wochen, zehn Werke Ausgewählte Exponate der Kunsthallenschau „Inspiration Matisse“ näher betrachtet

Kindlich und radikal in jeder Hinsicht

Sieht man es diesem Bild nicht an, dass sein Schöpfer ein besonderes, inniges Verhältnis zu der darauf Abgebildeten hatte? Es ist seine (uneheliche) Tochter Marguerite, die Henri Matisse hier im Jahr 1906 porträtiert hat. Ihr Name ist auch derjenige des Bildes, und er steht am oberen Bildrand – in Großbuchstaben und einem Schriftbild, wie es von der damals Zwölfjährigen auch selbst hätte praktiziert werden können.

Die Nähe zu seiner Tochter verrät der Künstler, indem er sie nicht nur bildlich vergegenwärtigt, sondern dies geradezu in einer Weise macht, wie die junge Tochter selbst es getan haben könnte. Das in Öl auf Leinwand gebannte Porträt erinnert an ein Kinderbild: eine klare, aufs Wesentliche konzentrierte Zeichnung als Grundlage und dazu ein kräftiger Pinselstrich, der die wenigen eingesetzten Farben flächig aufträgt.

Räumlichkeit nur angedeutet

Flächig wirkt die ganze Ansicht, Perspektive oder Räumlichkeit sind nur dezent angedeutet. Wach und vital erscheint das Mädchen, was durch rote Lippen und gerötete Wangen betont wird. Stilistisch erinnert das Bild an naive Malerei oder den Primitivismus Paul Gauguins; man mag darin auch eine Vorwegnahme der Art brut sehen, die Jahrzehnte später Beachtung fand.

Matisse selbst schrieb in seinen „Notizen eines Malers“ über das Bild, es sei ihm dabei weder um anatomische Genauigkeit gegangen noch um einzelne Züge des Gesichts. Der Ausdruck des Bildes entstehe in der ganzen Anlage. Und das tut er vor allem deshalb, weil buchstäblich alles daran kindlich oder eben mädchenhaft wirkt.

Aus Picassos Nachlass

Form und Inhalt scheinen sich hier vollkommen zu entsprechen und wechselseitig zu erhellen. Radikal und revolutionär wirkt das Gemälde. Das empfand übrigens auch der mit Matisse befreundete Pablo Picasso so, der damals in Paris als radikalster Künstler galt. Beide Maler tauschten Werke aus – und Picasso entschied sich dabei für dieses Porträt. Über Picassos Nachlass gelangte das Bild in den Besitz des Musée National Picasso in Paris.

Marguerite blieb für Matisse ein beliebtes Sujet. Insgesamt fertigte Henri Matisse in verschiedenen Techniken 30 Porträts seiner Tochter an. Wollte man Marguerite Matisse, die später die Geschäfte des Künstlers verwaltete, anhand der Darstellung weiter charakterisieren, könnte man wohl auf Entschiedenheit und Willenskraft schließen. Dazu passt, dass sich Marguerite Matisse wie auch ihre Stiefmutter später in der französischen Résistance engagierte. Sie starb 1982 in Paris.

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