Kultur

Pop In Feuerwache gastieren St. Paul & The Broken Bones

Klänge mit echter Seele

Archivartikel

Es gibt diese Stimmen, die vergisst man einfach nicht mehr. Nicht ihre Kraft, nicht den Schmelz, der die Sinne streichelt, nicht die Weisheiten, die in ihnen liegen. Paul Janeway, Sänger und Namensgeber der Soul-Truppe St. Paul & The Broken Bones, hat so ein Organ. Dass es aber nicht das einzige Glanzlicht bei dem Konzert in der Alten Feuerwache ist, spricht für die Strahlkraft der Band aus Alabama.

Angeheizt durch das Roots Rock-Trio The Americans, wird das Publikum trotzdem still im Saal, als dann der recht kleine Sänger mit Kappe, Pailletten-Jacke und Jeans-Bermudas inmitten seiner hochgewachsenen und in dunklen Anzügen gekleideten Mitmusikern steht. Dass der „Heilige Paul“ mal Priester werden wollte, glaubt man sofort. Die großen Gesten, mit denen er das Publikum segnet, die Erhabenheit, mit der er im Lichtkegel als Zugabe durch die sich vor ihm teilende Menge schreitet: Das passt einfach weniger zu dem Buchhalter, der er erst werden musste, als zu dem Showman, an dessen Lippen heute die Zuhörer kleben.

In den gut anderthalb Stunden voller Seele und Rhythmus liegt musikalisch der Schwerpunkt auf dem neuesten Album „Young Sick Camellia“. Dabei schöpfen die Künstler aus dem tiefen Süden der USA die ganze Bandbreite der Geschichte des Soul aus. Traditionsbewusst und doch progressiv. Mit viel Respekt vor der Vergangenheit klingen sie so eher nach 1960 als nach Retro-Trend; mehr nach Otis Redding etwa als nach Adele.

Besinnliche Tiefen

Nicht nur bei Stücken wie „Mr. Invisible“ und seinen experimentellen Percussions wird die Kunstfertigkeit der achtköpfigen Band hörbar. In immer wieder eingestreuten Solo-Parts erheben sich Bassist Jesse Phillips, der Gitarrist Browan Lollar, Andrew Lee am Schlagzeug, Al Gamble mit seinen opulenten Orgel-Arien sowie die großartigen Bläser – Saxofonist Amari Ansari, Allan Branstetter (Trompete) und Chad Fisher (Posaune) – über ihren schillernden Frontman.

Trotz aller Kunstfertigkeit ist es ein Miteinander, zusammengehalten und angetrieben durch den süßen Klang des Gesangs, das man hier erleben kann. Das macht Spaß zu hören, zu sehen und zu fühlen. Nach groovigen Höhen („Apollon“) und besinnlichen Tiefen („Grass Is Greener“) verabschiedet sich das Oktett mit dem gefühlvollen „Bruised Fruit“, das mit seinem Gospel selbst noch dem härtesten Kerl das Herz zu brechen vermag. afs