Kultur

Das Interview Pit Baumgartner über 20 Jahre seines Bandprojekt De-Phazz und das Jubiläumsalbum der „Godfathers of Lounge“

„Klang, der Sehnsüchte weckt“

Archivartikel

Es war 1997, als die Gruppe De-Phazz sich von Heidelberg aus aufmachte, um Dub, Jazz, Soul, Trip Hop, Drum and Bass und Latin zu einem so neuartigen wie erfolgreichen Lounge-Sound zu kombinieren. Im Mai erschien – mit etwas Verzögerung zum eigentlichen Startjahr – das Jubiläumsalbum „Black White Mono“. Ein Interview mit dem Kopf und Urheber des Bandprojekts, Pit Baumgartner.

Herr Baumgartner, Sänger Karl Frierson erzählte beim letzten Enjoy-Jazz-Konzert im Heidelberger Karlstorbahnhof, dass er gerade mit seinem Auto an einer Ampel stand, als plötzlich „Hero Dead And Gone“ im Radio lief und er merkte – das ist unser erster Hit! Wie haben Sie die De-Phazz-Anfänge in Erinnerung?

Pit Baumgartner: Ich war damals eigentlich schon kurz vor dem Aufhören, ich war Mitte, Ende 30, und dachte, na ja, zum Popstar reicht es doch nicht mehr, ich sollte mir vielleicht mal einen soliden Job suchen (lacht). Dann hab ich Haluk Soyoglu getroffen, der in Neckargemünd bei dem aufstrebenden Plattenlabel Undercover Music Group arbeitete, und ihm eine Kassette gegeben. Der rief zwei Wochen später an und sagte, lass’ uns doch da was machen, ich bring das raus. Da war „Hero Dead And Gone“ auch schon drauf, allerdings noch als Instrumentalversion.

Wie ging es weiter?

Baumgartner: Dann war die Frage: Gibt es eine Bühnenshow dazu? Nee, sagte ich, das ist eigentlich der klassische Sofa-Surfer-Sound, zusammengeschnipselte Collagen und so weiter – aber ich kann mich umhören. Dann habe ich gefragt, wer denn Lust hätte. Und da war zum Beispiel Karl Frierson, auch Pat (Appelton) und Barbara (Lahr), die schon Bühnenerfahrung hatten. So hat sich das entwickelt. Die Band wurde also eigentlich nicht gegründet – und kann sich deswegen praktisch auch nicht auflösen. Die Musik ging voraus.

Gab es ein konkretes Konzept, wohin die weitere „Destination Future Jazz“-Reise gehen sollte?

Baumgartner: Ach Konzept, ich glaube, ich habe nach 20 Jahren noch kein richtiges Konzept (lacht). Es waren plötzlich unheimlich viele liebenswerte Menschen um mich herum, sei es von der Plattenfirma oder von der Tour-Agentur. Wenn ich mich zurückerinnere, dann war das ein munteres Gewusel, plötzlich fand ich mich bei irgendwelchen Festivals wieder, zum Beispiel war die „Nature One“ damals gerade am Entstehen, Sven Väth und die ganze DJ-Kultur. Und da fand ich mich plötzlich zwischendrin – erfolgreich. Irgendwas haben wir richtig gemacht. Der Sound passte halt auch damals.

Auch die neue Platte beschwört Qualitäten, wie man sie an De-Phazz kennt und schätzt: Die Leichtigkeit der Lounge-Musik, Soul, Funk, Jazz, Bossa – überhaupt die stilistische Weltoffenheit. Mit welchem Ansatz sind Sie an die Aufnahmen gegangen?

Baumgartner: Es entsteht meistens spielerisch. Barbara und Pat bringen ja auch ihre eigenen Ideen und Texte mit ein, und das wiederum tippt mich an. Groove ist immer wichtig! Ich merke immer, es muss ein bisschen in die Beine gehen. Es darf nicht anstrengen, weil ich keine komplizierten Fusion-Jazz-Gekniedel-Platten abmischen will (lacht). Ich bin relativ selbstironisch, was meine Kunst betrifft. Aber ein Konzept gibt es keins, außer: Geschmack. Aber das ist ja etwas sehr Subjektives. Und natürlich denkt man hier und da an sein Publikum.

Im September folgt eine Jubiläumstour, bei der Sie unter anderem auch im Karlstorbahnhof spielen. Glauben Sie, ein Termin reicht? Bei Enjoy Jazz vergangenen Oktober musste wegen der großen Nachfrage ein zweiter hinzugefügt werden …

Baumgartner: Das hat mich sehr gefreut, weil ich dann ein bisschen den Glauben an die Qualität der Popmusik zurückgewonnen habe (lacht). Nein, dass wir auch nach 20 Jahren noch Leute ziehen, das ist klasse.

Ihr seid insbesondere auch in Osteuropa erfolgreich. Wie kommt das?

Baumgartner: Das ist mir ein Rätsel. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Menschen gerne mit unserer Musik gereist sind. Es war ja damals der Umbruch, wo sich die Grenzen geöffnet haben. Und ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass wir einen Klang kreiert haben, der ein bisschen mondän und international war, der einfach Sehnsüchte weckt. Dafür ist Musik ja gemacht, das ist die Kraft der Musik: dass sie dich von einem Ort zum anderen beamen kann – in die Vergangenheit oder einfach auch geografisch.