Kultur

Streaming-Konzert

Klanggemälde voll suggestiver Sogkraft

Archivartikel

Mannheim.Was an Online-Konzerten in Corona-Zeiten gemeinhin nicht unproblematisch ist, gereicht hier fast schon zum Vorteil: Livemusik braucht an sich einen von Künstlern und Publikum geteilten, gemeinsamen Raum, damit die Musik atmen und sich entwickeln, damit sich das einem mit dem anderen im dynamischen Austausch verbinden kann. Prägnantestes Beispiel: Ohne Applaus fällt auch ein noch so grandios interpretiertes Stück an seinem Ende in eine lähmende Leere. Beim Auftritt von Freistil-Gitarrist Claus Boesser-Ferrari in der Reihe „Jazz im Quadrat – Hautnah“, die der „Mannheimer Morgen“ in Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Musikclub Ella & Louis veranstaltet, ist das nicht völlig, aber doch entscheidend anders. Denn in der ungeteilten Aufmerksamkeit, die dieses isolierte Solo-Format seiner Instrumentenkunst zuteil werden lässt, in der absoluten Konzentration auf das Gespielte, liegt einerseits die Chance, den unerhörten Nuancenreichtum von Boesser-Ferraris Musik in voller Trag- und Spannweite zu entdecken. Allein auf der Ella & Louis-Bühne und eingefangen von Kameras, wird der Auftritt des weltweit sow anerkannten wie gefragten Saitenkünstler abends auf dem YouTube Kanal des Jazzclubs ausgestrahlt. Dass der fehlende Applaus (so verdient er auch wäre!) hierbei nicht für die gewohnte Irritation sorgt, rührt zudem daher, dass das Verhallen und Verklingen, die Stille und die Momente zwischen den Tönen wesentliche Merkmale seiner Klangschöpfungen sind, die sich aus vielerlei Quellen speisen - aus Folk und Klassik, aus Jazz, Pop und Rock, oder kurz gesagt: aus der Weite der musikalischen Weltgeschichte.

Es fällt leicht, sich darin zu versenken und die wunderbar feinsinnigen lyrischen Momente zu genießen - etwa wenn „Nowhere Man“ von den Beatles schimmernd durch die Saiten des Laudenbachers flattert. Boesser-Ferraris Spiel entwickelt dabei einen suggestiven Sog, allerdings sollte der Zuhörer immer auch darauf gefasst sein, unversehens aus seiner Kontemplation aufgescheucht zu werden – wenn der 67-Jährige den Korpus seiner Gitarre kraftvoll perkussiv einsetzt, wenn er experimentell arbeitet, in den Tonabnehmer spricht, Verzerrungen einsetzt und nachgerade Jimi-Hendrix-Blitze aus seinem Instrument zucken lässt.

Boesser-Ferrari ist ein Virtuose, was nicht nur auf seine Technik bezogen zu verstehen ist, sondern insbesondere auch auf seine künstlerische Vorstellungs- und Gestaltungskraft. „Heute Abend freuen wir uns auf eine wirkliche Koryphäe an der akustischen Gitarre“, hat der künstlerische Kurator des Ella & Louis, Thomas Siffling, den Zuschauern zur Begrüßung treffend eröffnet. Der 1952 im pfälzischen Bellheim geborene Künstler (der neben vielem anderen auch als Theatermusiker aktiv ist und Soundtracks komponiert) musiziert an diesem Abend vornehmlich auf seiner von dem Instrumentenbauer und Musiker Peter Finger gefertigten Akustikgitarre, die - abgegriffen wie das Holz stellenweise ist - geradezu selbst fast wie ein lebender Organismus erscheint. Auch seine von Hans Blank konstruierte Les-Paul-E-Gitarre setzt Boesser-Ferrari spät und kurz, aber prägnant und packend ein.

Von Franz Schubert zu Charles Mingus und Rio Reiser, von „Survival Folksongs“, die bin ins 15. Jahrhundert zurückreichen, über Jazz- und Pop-Fragmente zum („Winnetou“-)Filmsoundtrack: Der Ausnahmegitarrist verquickt eigene Kompositionen und Klangskulpturen mit den Werken anderer Künstler zu brillanten Synthesen und erweist dazwischen auch einem großen Kollegen, dem vor vier Jahren verstorbenen Gitarristen und Komponisten Hans Reffert, die gebührende Ehre. Eine unglaubliche dichte Konzertstunde lang erleben wir mit Boesser-Ferrari einen faszinierenden Klangmaler und Poeten, Experimental-Lyriker und Rock-Zauberer. Der Schlussapplaus, den wir uns dazu denken, hallt lang und laut im Ella & Louis wider.

Video: Ella & Louis

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