Kultur

Performance Aus dem Hörspiel „Stadt der 1000 Feuer“ wird im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum eine eindrucksvolle Sprechchor-Aktion mit Biss und Humor

Klangvolle Studie über „Arbeit in Arbeit“

Archivartikel

Oh endloses Elend: Hanns Eislers Lied „Oh Endless Is This Misery“ geistert als Gospel-hafter Wiedergänger durch das repetitive Rattern und Raunen des Chorstimmen-Räderwerks, das uns als Zuhörer zum gefühlten Teil einer sich unermüdlich selbst reproduzierenden Arbeits-Maschinerie werden lässt. Es scheuert bisweilen wie Stahlwolle an den Nerven, zugleich entwickelt die raffinierte Vertaktung von Sprache, Klang und Rhythmus bei der Performance „Stadt der 1000 Feuer“ im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum einen bezwingenden meditativen Sog.

Willkommen zu einer akustischen Studie zum Thema „Arbeit in Arbeit“ heißt hier einer der Sprecher, Frieder Butzmann, das Publikum; zu einer „Aktion für Sprechchor“ von Oliver Augst (Komposition) und John Birke (Text). Die setzen sich mit dem Wandel der Arbeit von Marx bis in die postindustrielle Informationsgesellschaft auseinander – und damit, wie sich dieser Wandel in (Denk-)Kultur und Geschichte einschreibt. Dabei wird auch nicht versäumt, aus gegebenem lokalen Anlass ein Streiflicht auf „die kurpfälzische Anilin-und-Soda-Landschaft“ zu werfen.

„Stadt der 1000 Feuer“ war zunächst als Hörspiel ausgestrahlt und im Oktober 2013 am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zur theatralen Uraufführung gebracht worden. 2014 war die Produktion in Mannheim zu Gast gewesen, wo Komponist Oliver Augst von 2010 bis 2014 auch musikalischer Leiter der „Utopie Station“ am Nationaltheater gewesen ist.

Aufgeführt wird das Stück im Hack-Museum mit knapp 20-köpfigen Sprechchor (Leitung: Marcus Rüdel) und abermals einer illustren Runde von vier Solo-Sprechern: Françoise Cactus, Sängerin der liebenswürdigsten Berliner Band schlechthin – Stereo Total; Musikerin und Theatermacherin Bernadette La Hengst (einst Frontfrau der Hamburger-Schule-Band Die Braut haut ins Auge), Performancekünstler und Musiker Frieder Butzmann und Free-Jazz-Pionier Svenke Johansson.

Pfeilschnell schwirrende Stimmen

Die Solisten sitzen an einer Tischreihe, dahinter, an ihren Mikrofonständern, stehen die Chormitglieder und rezitieren auf 1927 datierende Sprechchortexte aus „Der gespaltene Mensch“ von „Arbeiterdichter“ Bruno Schönlank. Gegliedert wird die Performance mit dem oft pfeilschnell schwirrenden Stimmen-Ping-Pong der formidablen Sprecher durch sechs „Tonklangbeispiele“ („Marx“, „Werkmaschine“, „Gastarbeiter“, „Musik“, „Praktikum“ und „Opferagentur“). Im pointiertesten, „Praktikum“, erzählt Bernadette La Hengst in Gestalt einer Praktikantin, wie sie über fünf Jahre Arbeit im Wert von circa 90 000 Euro geleistet habe. „Realer Verdienst: 5000, plus Aufwandsentschädigung.“

Dann schreibt sie die Namen ihrer Eltern als Spender auf einen Präsentations-Flyer. „Meine Eltern haben durch die Finanzierung meiner Vollzeitstelle hier diese Veranstaltung ermöglicht“, erläutert sie dem perplexen, neuerlichen Praktikumsgeber: „Ohne deren großzügige Spende in Form meines Lebensunterhalts könnten Sie und ich sich meine Arbeit gar nicht leisten.“ Das sitzt, klingt, hat Humor und Biss.