Kultur

Tanz Unterwegstheater begeht 30-jähriges Bestehen

Körper als Archiv der Bewegungen

Archivartikel

Ein Teppich, eine Lampe, ein kleiner Tisch, eine Pflanze und ein Sessel. Auf der großen Bühne in der Heidelberger Hebelhalle wirkt diese Anordnung wie eine kleine Insel. Jone San Martin knipst das Licht an. Sie sitzt im Sessel, aber nicht zurückgelehnt, sondern aufrecht, bereit für den nächsten Schritt. Dem Publikum stellt sich die Tänzerin als ehemaliges Mitglied der inzwischen legendären Kompanie von William Forsythe vor.

Der weltbekannte Choreograph hatte 1984 das Ballett Frankfurt übernommen und mehr als zwei Jahrzehnte lang geleitet, bis er sich dann ein weiteres Jahrzehnt mit seinen Tänzern als freie Kompanie positionierte. Jone San Martin tanzte 23 Jahre lang bei Forsythe und hat den Rahmen für ihr Stück „Legitimo / Rezo“ mit ihm zusammen konzipiert. So bekommt das Publikum von ihr an einprägsamen Beispielen Forsyths Arbeitsweise erklärt. Dafür stellt sich die Tänzerin in den Raum, spricht durch ihr am Kopf befestigtes Mikro und setzt gleichzeitig mit ihrem Körper Ideen in Bewegung um.

San Martin wird zur Mediatorin von Forsyths außergewöhnlicher Methode für die Tanzimprovisation. Dabei gestaltet die gebürtige Baskin ihre Darstellungen mit Witz und so anschaulich, dass die Zuschauenden gleich ins Forsythe-Universum einsteigen können. „Wir sind Dirigenten und beobachten uns und unsere Beziehungen zueinander“, sagt die Tänzerin und zeigt nun ihre eigene Komposition. Dafür verändert sie ihre Identität durch einen Schnurrbart und lässt durch das Mikro ihre Stimme in unzählige Stimmen wandeln. Eine grandiose Tour tanzt sie jetzt durch Zeit, Raum und wechselnde Gestalten, die Forsyths Methode als Gerüst erkennen lässt.

Ein Berg aus Spitzenschuhen

Im zweiten Stück sitzt der ehemaliger Forsythe-Tänzer Amancio González vor einem Berg aus Spitzenschuhen wie eine Figur aus der Märchenwelt. Der 50-jährige Tänzer umnäht die Spitze eines Schuhs, wie es Tänzerinnen zu tun pflegen, und lässt die Zuschauer an einer zerstückelten Geschichte aus Fantasie und eigenen Erfahrungen teilhaben. Bald tanzt er in „Blue Prince Black Sheep“ – eine Zusammenarbeit mit der Choreographin Carlotta Sagna – auf Spitze oder kickt die Schuhe aggressiv in die Ecke. Auch er zeigt, wie seine Kollegin San Martin, den Körper als Archiv für tänzerische Erfahrungen.