Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Kollektives Trauma

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser, 

normalisiert sich das Leben? Lernen wir, mit Corona zu leben? Wann waren Sie zum letzten Mal fassungslos über das, was nun „Normalität“ werden soll für eine Weile? Ich wollte gestern ein Eis kaufen und sah vor der Eisdiele eine ziemlich große Gruppe Männer, die offensichtlich Christi Himmelfahrt feiern wollten – oder es waren eben sehr, sehr junge Väter. Es gab weder Masken, noch Abstand zwischen ihnen, dafür Alkohol. Im ersten Moment freute ich mich an ihrer Ausgelassenheit, im nächsten nahm ich Abstand und schließlich entschied ich mich, doch kein Eis zu wollen. 


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 Zahlreiche Psychologen betonen, wie viel Stress diese Erfahrung einer Pandemie für alle bedeutet. Nicht nur die wochenlangen Einschränkungen des Lebens durch den Lockdown oder anderen Maßnahmen, sondern die Allgegenwart einer „unsichtbaren Gefahr“. Hinzu kommen inzwischen die Arbeitslosenzahlen, die Kurzarbeit, die Ungewissheit, wie lange das alles gehen wird. Wenn die WHO nun meldet, es könnte sein, das Coronavirus werde – ähnlich wie AIDS – einfach bleiben, dann möchte ich das so noch nicht hören, die Hoffnung noch nicht aufgeben.

Die Vorsichtsmaßnahmen werden noch eine ganze Weile bleiben. Was auch bleiben wird, vielleicht weit über die Vorsichtsmaßnahmen hinaus: die Erschütterung, die auslöst wird, wenn eine Pandemie ausgerufen werden muss. Der Kalte Krieg hat eine Generation geprägt, die sich vor der atomaren Bedrohung fürchtete. Ab jetzt ist die Dimension der Gefahren, die von Viren ausgehen, Teil der nächsten Generationen. Eine Generation, die kein Abitur feiern kann, die ihr Abitur kaum machen durfte. Großeltern, die alleine in Heimen bleiben. Diese Zeit wird in ihrer Wucht für viele ein Trauma bleiben. Die Welt wurde zum Stillstand gebracht, sozusagen per Dekret und über Nacht: ein kollektives Trauma.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich wieder nach New York flog nach dem 11. September. Es war Jahre später. Im Central Park war eine Open-Air-Bühne aufgestellt, Familien sangen Klassiker mit und hatten eine gute Zeit, bis man Hubschrauber am Himmel fliegen hörte und plötzlich alle eine andere Körperhaltung einnahmen. Alle paar Sekunden sah man hinauf zu den Helikoptern und rückte etwas näher. Viele sangen weiter, aber es war plötzlich eine latente Angst im Park.

Je früher eine Gesellschaft nun über Resilienz nachdenkt, desto leichter wird es fallen, aus dieser Krise nicht schwächer, sondern gestärkt hervorzugehen. Das gilt vor allem für Familien in engen Wohnräumen, die aufgrund des eingeschränkten Freizeitangebots besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Könnte man nicht auch im Homeschooling Inhalte über Selbstorganisation erarbeiten, die den Familien vermittelt werden, sodass nicht nur die Kinder lernen, sondern auch die Eltern? Zum Homeschooling sollte jetzt – zumal Eltern oft dabei sind – eine Stunde Unterricht über Gesundheit und Glück gehören. Wenn Eltern Kindern helfen, zu lernen, dann wäre es doch eine hilfreiche Lektion für alle, wenn sie gemeinsam etwas vom guten Leben lernten. Eine Stunde „Selbstsorge“ als Teil des Homeschoolings. Eine Stunde gelehrtes Glück.

Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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