Kultur

Musikfest Stuttgart Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“

Kompositionen von vor 100 Jahren

Archivartikel

Im Rahmen des Musikfests Stuttgart fand im Theaterhaus ein Abend mit Kompositionen von vor 100 Jahren statt. Im Mittelpunkt stand „Die Geschichte vom Soldaten“, ein naiv-raffiniertes Jahrmarkts-Spektakel, das Ernest Ansermet, der Gründer und langjährige Leiter des berühmten Orchestre de la Suisse Romende, im September 1913 im Théâtre Municipal in Lausanne zur Uraufführung gebracht hat.

Naiv ist die Geschichte, die der Welschschweizer Charles Ferdinand Ramuz nach einem russischen Volksmärchen geschrieben hat, die Geschichte vom Soldaten, der „zwischen Chur und Wallenstadt’“ heimwärts wandert und vom Teufel verführt wird, seine Geige gegen ein Zauberbuch einzutauschen..

Das ermöglicht ihm, eine Königstochter zu erlösen, sie zu heiraten und zu Reichtum zu gelangen. Doch am Ende geht er am Fluch des Goldes zugrunde und der Teufel nimmt ihn in die Hölle mit.

Raffiniert ist dagegen die Komposition, die jedem Pathos abholde, vereinfachte, auf ein Minimum an Melodie reduzierte, weitgehend vom Rhythmus bestimmte Musik. Igor Strawinsky charakterisiert und glossiert in diesem zwischen Melodrama und Pantomime wechselnden Werk Erscheinungen und Gefühle der Zeit am Ende des Ersten Weltkriegs. Er bedient sich eines kommentierenden Sprechers des epischen Theaters, er parodiert die Modetänze der damaligen Zeit, er verspottet die Preußenherrlichkeit in seinem Königsmarsch und er persifliert einen Choral. Das Orchester besteht aus Klarinette, Fagott, Trompete, Posaune, Schlagzeug, Violine und Kontrabass, wobei die einzelnen Instrumente oft solistisch eingesetzt werden.

Das Ganze ist als bewusste Abkehr von der schwulstigen Spätromantik zu verstehen. Dabei betonte der Komponist, dass ihn künstlerisch die rein „menschlichen Nöte“ an der „tragischen Geschichte vom Soldaten“ zum Vertonen angeregt hätten. Formenklarheit und -strenge bestimmen das musikalische Bild.

In Stuttgart übernahm das „Arte Ensemble“ den orchestralen Part: Guido Schäfer (Klarinette), Malte Refardt (Fagott), Matthias Höfs (Trompete), Emil Haderer (Posaune), Andreas Boettger (Schlagzeug), Kathrin Rabus (Violine), Albert Sommer (Kontrabaas). Dazu kam lediglich Dominique Horwitz als Sprecher. So traten keine zwei Schauspieler und keine Tänzerin auf und es gab auch kein Bühnenbild. Und so war denn die Vorstellung von Ferdinand Ramuz erfüllt:

Der Vorleser muss als Akteur lesen, er muss die Handlung vermitteln, das heißt, den Charakter der Personen und das ganze Szenenbild sichtbar und fühlbar machen“. Diese Chance ließ sich Dominique Horwitz nicht entgehen, der zwischen den Instrumentalisten hinter einem Lesepult platziert war.

Zum Auftakt des Abends hörte man ein knapp halbstündiges Werk eines vielseitigen, heute weitgehend vergessenen Komponisten, der von 1894 bis 1942 lebte, einem der ersten Europäer, der den Jazz in seine Arbeit integrierte, die vom Impressionismus, Expressionismus und dem Neoklassizismus beeinflusst war, die 1921 entstandene „Suite für Kammerorchester“ von Erwin Schulhoff, der sich für Arnold Schönberg und Alban Berg ein- und mit dem Dadaismus auseinandergesetzt und 1932 das Manifest der kommunistischen Partei in Form einer Kantate vertont hatte.

Wie Igor Strawinsky in der „Geschichte vom Soldaten“ bediente er sich bei seiner Suite derselben sieben Instrumente. Dieter Schnabel