Kultur

Kabarett Serdar Somuncu im ausverkauften Capitol

Konstruktive Breitseiten

Archivartikel

Natürlich tobt Serdar Somuncu oft brüllend laut über die Bühne des Mannheimer Capitols und greift gelegentlich so tief es geht unter die Gürtellinie. Aber das passiert gerade häufig genug, um den Teil des Publikums bei der Stange zu halten, das wegen vulgärer Krawall-Comedy gekommen ist. Ansonsten wurde die eigentlich für den 50-Jährigen zu kleine Spielstätte offenbar gezielt gewählt, um am Tag nach der Europawahl eine austarierte Lehrstunde in politischer Bildung abzuhalten. Das versucht der Kabarettist und Theatermacher eigentlich immer – nur selten so offensichtlich.

Das Kalkül geht am Tag nach der Europawahl auf. Der Abend funktioniert, das heißt, es wird durchgängig gelacht – oder intensiv zugehört. Immer wieder gibt es lauten Szenenapplaus. Fast wie ein Workshop-Leiter hat Somuncu zu Beginn das Ziel des Abends kundgetan: „Ich will euch nicht mit Banalitäten ablenken“ – von der eigenen Verantwortung an dem, was ungerecht läuft in der Welt. Daran erinnert er die 700 Zuschauer unerbittlich. Banal sind tatsächlich nur die mit erstaunlich großem Ernst vorgetragenen Welterklärstücke etwa über das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei oder die Bedeutung der Europäischen Union. Aber wohl absolut notwendig, wenn man sich in der Welt umschaut.

Somuncu ist klug genug, um nicht den zeigefingerwedelnden Moralapostel herauszukehren, sondern sich und seine Verstrickungen in die Medien- und Konsumwelt mit zu geißeln. Etwa, wenn er die Frage herausbrüllt, wie dumm man denn sein könne, seine Stimme an die Satire-Partei Die Partei zu verschleudern. Deren Kanzlerkandidat er bei der Bundestagswahl war. „Jetzt wird’s Ernst“, habe er deren EU-Abgeordneten Martin Sonneborn nach dem Wahlerfolg zugerufen. Der habe trocken geantwortet: „Das weiß ich seit fünf Jahren.“