Kultur

Stückemarkt I Schauspiel Graz zeigt in Heidelberg „Erinnya“ von Clemens J. Setz

Kopfstand in der Kloschüssel

Archivartikel

Das ist ein tolles Spielmaterial, das Clemens J. Setz dem Schauspielhaus Graz, der Regisseurin Claudia Bossard und den sechs Spielerinnen und Spielern zugeschrieben hat: „Erinnya“ heißt das Gebilde eines Autors, der als Romancier begonnen hatte, dessen Skurrilität und Tiefgründigkeit in bestechender Bühnenpräsenz beim Heidelberger Stückemarkt für erhebliches Aufsehen sorgten. Denn Setz, selbst in Graz lebend und dort inzwischen zu einer Art Hausautor mutiert, lässt den Akteuren recht uneitel freie Hand in der Stück-Entwicklung, die sich ihrerseits mit einer griffigen, witzigen, freudvollen Umsetzung voller Assoziationen und situativer Prägnanz bedanken.

Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der – von Depressionen geplagt – ziemlich neben sich stand und den Weg zurück über ein interaktives Kommunikationssystem findet. Per Headset werden ihm Antworten eingetrichtert, die zuerst sinnentleert erscheinen, aber das neuartige Erinnya-System ist lernfähig, so dass Matthias irgendwie wieder teilnimmt am (Familien)Leben. Naturgemäß stößt er auf viel Unverständnis, allein die Mutterliebe hält ihm die Stange.

Mit Leitern aufs Gebirge

Dieser wunderliche Cyborg hat seltsame Ideen, turnerisch begabt macht er einen Kopfstand aus der Kloschüssel heraus, jongliert mit rohen Eiern (platsch! die Mutter wischt auf) und will auf überlangen Leitern das Gebirge erklimmen. Moderne Technologie trifft auf Zukunftsängste, Youtuberinnen kommentieren mit Nonsens-Sätzen, Internet-Gläubigkeit kontrastiert mit familiärer Gemütlichkeit, und Figurenzeichnungen wie aus einer Telenovela vermengen sich zur kruden Zukunftskomödie, die die Frage impliziert, wie unser Leben und unsere Kommunikation aussehen werden, wenn wir ferngesteuert mit Textbausteinen interagieren.

Gespielt wurde vergnüglich. Allen voran der agile, überschlanke Alex Deutinger, ein nimmermüder Performer, als Hauptfigur Matthias. Um ihn herum Alida Bohnen, Nico Link, Tamara Semzov, Susanne Konstanze Weber und Martina Zinner. Claudia Bossard hat das Stück auf der transparent-verwirrenden Bühne von Frank Holldack lustvoll angerichtet, und die Kostüme hält Elisabeth Weiß in lichtem Hell, während Matthias im dunklen Anzug als optischer Gegenpol herumschwirrt. Stimmt, er ist etwas anders als die Anderen. Das Stückemarkt-Publikum im Alten Saal war begeistert.