Kultur

Torturmtheater Sommerhausen Zwei-Personen-Stück „Das Original“ mit Dorina Pascu und Armin Hägele zum Spielzeit-Auftakt

Krimi über das fehlende „Kribbeln“

Archivartikel

„Bakersfield Mist“ heißt das 2011 unter der Regie des Autors im Fountain Theatre in Los Angeles uraufgeführte Zwei-Personen-Stück. Es stammt von dem 58-jährigen, in San Francisco geborenen amerikanischen Dramatiker und Regisseur Stephen Sachs, der Mitbegründer und künstlerischer Co-Direktor dieses Theaters ist.

Zum Spielzeit-Auftakt 2018 steht das Stück, in der deutschen Übersetzung von Karen Witthuhn, unter dem Titel „Das Original“, auf dem Programm des Torturmtheaters Sommerhausen und ist dort noch bis 2. Juni zu sehen.

Original oder Fälschung?

Der deutsche Titel sagt schon einiges über den Inhalt. Geht es doch um die Frage: Original oder Fälschung und das in Bezug auf ein Kunstwerk, genauer gesagt, um eine Arbeit von Jackson Pollock. Und der ist keine Fantasiefigur des Dramatikers Stephen Sachs, sondern hat wirklich zwischen 1912 und 1956 gelebt, war Vertreter des abstrakten Expressionismus und Gründer der Stilrichtung des Action Painting.

Erfindungen des Autors sind dagegen die Ex-Barfrau Maude Gutman und der Kunstexperte Lionel Percy. Und erfunden ist auch die Geschichte, obwohl sie, wenn nicht in dieser Art, so doch in ähnlicher schon passiert ist.

Seit 33 Jahren lebt Maude Gutman in einer Baracken- und Wohnwagensiedlung. Um billiges Geld hat sie ein hässliches Bild erstanden, von dem sie felsenfest glaubt, es sei ein Trödelmarkt-Schnäppchen, bei dem es sich um ein Original des berühmten Jackson Pollock handle. Deshalb hat sie Lionel Percy, einen berühmten Kunstexperten, zu sich kommen lassen, der die Echtheit der Arbeit bestätigen soll.

Groß ist bei ihr die Enttäuschung, als der Mann, der die „Authentizität von Kunstwerken verifizieren“ soll, kurzerhand nach eingehender Untersuchung und langem Schweigen konstatiert: „Es ist kein Pollock“.

Wie sie zum Schluss, nachdem er noch einmal erklärt hat: „Das Bild ist nicht echt“, behauptet: „Das Bild ist echt“ und hinzufügt: „Ich geb’ nicht auf“, so gibt sie während des gesamten Disputs, zu dem auch Handgreiflichkeiten gehören, nicht auf.

Wie sie ihn auch bedrängt, seine Meinung zu ändern, er bleibt stur. Er vertraut seinem „Augenblick“ und sagt ihr: „Das Bild hat keine künstlerische Seele“. Er „wartet auf das Kribbeln, das mich überkommt, wenn ich vor etwas Echtem stehe“. Doch nicht genug damit, auch Persönliches kommt zur Sprache.

Sie wurde „gefeuert“, weil sie versucht hatte, sich umzubringen. Er wurde „gefeuert“, weil er eine Fälschung als Original bezeichnet hatte. Er wirft ihr vor, unwissend und eine Närrin zu sein und an etwas zu glauben, was sie nicht einmal versteht. Und schließlich sagt er ihr ins Gesicht: „Meine Meinung ist von Bedeutung, Ihre nicht“. Schließlich will sie sich wieder einmal umbringen, zuerst mit einem Messer und dann mit einem Revolver, in dem die Munition fehlt. Dabei geht es in dem Stück nicht nur um Fragen der Kunst, sondern auch um die Wahrheit im Leben und um die soziale Stellung der handelnden Personen.

Anders als sonst bei Aufführungen im Torturmtheater ist die 35 Quadratmeter kleine Bühne diesmal nicht sparsam möbliert. Vielmehr hat Angelika Relin, die für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, sozusagen „Urväter-Hausrat rein gestopft“ und das ist dann kein Studier-, sondern Maudes Wohn-, Schlafzimmer und Küche. In diesem Milieu setzt Oliver Zimmer einen rund 80-minütigen Dialog in Szene, der über weite Strecken einem Krimi gleicht, in dem Spannung vorhanden ist, die auch von den zwei im realistischen Stil durchaus glaubhaft agierenden Schauspielern gehalten wird, die in Sommerhausen schon mehrfach aufgetreten sind.

Dorina Pascu ist die nicht zu Unrecht als „Kneipenluder“ bezeichnete Maude Gutman, eine Frau, die sich vor nichts und niemand fürchtet, die ihr vermeintliches Recht mit Zähnen und Klauen verteidigt und dabei auch mit dem Kopf durch die Wand gehen will.

Seriös und intellektuell gibt sich Armin Hägele als Lionel Percy, ein Mann, der stolz auf sein Wissen und Können ist, obwohl er nicht unbedingt eine weiße Weste trägt. Dieter Schnabel