Kultur

Literatur Hans Magnus Enzensberger veröffentlicht private Anekdoten und ironische Empfehlungen für angehende Autoren

Kritiker des Zeitgeists

Mit seinen politischen Gedichten hat der 1929 in Kaufbeuren geborene Dichter die deutsche Lyrik befeuert, mit seinen polemischen Essays unzählige Kultur-Debatten angestoßen. Auch als filigraner Übersetzer und genialer Herausgeber hat er sich einen Namen gemacht. Ob „Kursbuch“, „Transatlantik“ oder „Andere Bibliothek“: Viele großartige Projekte sind seiner Initiative und Fantasie geschuldet. Und wo andere sich in den literarischen Ruhestand zurückziehen, dreht Hans Magnus Enzensberger noch einmal voll auf: Jetzt erscheinen gleich zwei neue Publikationen aus seiner spitzen Feder.

Zu kritischen Menschen erzogen

Mit dem Titel des einen Buches, „Eine Handvoll Anekdoten“, erinnert er an die alten Griechen, erzählten damals doch „Anekdoten“ von einer Person oder einer Begebenheit, über die es aus Gründen der Diskretion noch keine schriftlichen Äußerungen gab. Genau das macht jetzt Enzensberger: Er lüftet erstmals den privaten Vorhang und gibt Einblicke in sein Leben, aber weil er keine Lust auf eine klassische Lebensbeichte hat, erzählt er von sich in der dritten Person.

Er verpackt seine Erinnerungen in kurze Episoden und verpasst ihnen den Untertitel „Opus incertum“: Der lateinische Begriff bezeichnet ein unregelmäßiges, unfertiges Mauerwerk. Enzensberger erzählt von seiner Geburt im Herbst 1929, als eine Weltwirtschaftskrise ausbrach, die auch Deutschland in den Abgrund riss und den Aufstieg des Nationalsozialismus beförderte. Von seinen Eltern, die ihn und seine drei Brüder zu kritischen Menschen erzogen und sie bestärkten, sich der stumpfsinnigen Hitlerei wenn schon nicht offen zu widersetzen, dann doch wenigstens zu verweigern und das Nazi-Gebrülle zu boykottieren.

Aktiv als Schwarzmarkthändler

Wir erleben M., so nennt Enzensberger sein Alter ego, wie er sich lieber in den Bibliotheken versteckt als zur Versammlung der Hitler-Jugend zu gehen. Wie er lieber mit Mädchen flirtet als auf dem Bolzplatz einem Ball nachzujagen. Wie er es schafft, dem „Volkssturm“ zu entfliehen, nach dem Krieg sich als Schwarzmarkt-Händler durchschlägt und, weil er englisch spricht, bei den alliierten Soldaten dolmetscht und im Militär-Casino als Barmann Geld verdient. Wie er an deutschen und französischen Unis Literatur und Philosophie studiert und sich dann 1955 hinsetzt und eine Arbeit über den Dichter Clemens Brentano als Dissertation einreicht.

Leider verschusselt sein Doktor-Vater die Arbeit, also muss er, weil er als ewiger Traumtänzer natürlich keinen Durchschlag gemacht hat, die ganze Dissertation noch einmal schreiben – kein Problem. Hier enden die vorwitzigen Anekdoten aus einem unregelmäßigen und unfertigen Leben. Hoffentlich wird uns Enzensberger später auch noch erzählen, wie er zum berühmten Dichter und kritischen Plagegeist der deutschen Zustände wurde, wie ihm bereits mit 33 Jahren der angesehene Georg-Büchner-Preis zuerkannt wurde und er immer mal wieder auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde.

Klug unterhalten, lustig belehren

Auf dem Titel eines anderen neuen Buches steht nicht sein Name, sondern der von Andreas Thalmayr: eines der vielen Pseudonyme, die Enzensberger benutzt, wenn er Lust hat, die Abgründe der Sprache und Dichtung zu persiflieren. Er verkleidet sich auch gern als Linda Quilt, Elisabeth Ambras, Benedikt Pfaff oder Serenus M. Brezengang, tritt in mancherlei Gestalt auf, um uns klug zu unterhalten, lustig zu belehren.

„Schreiben für ewige Anfänger“ nennt er das Buch: eine muntere Sammlung von fiktiven Briefen, die er an einen jungen, unbekannten Autor schreibt, der sich von seinem Kollegen Rat und Fürsprache erhofft. Natürlich lässt Enzensberger es sich nicht nehmen, den Literaturmarkt auf die Schippe zu nehmen, über eingebildete Literatur-Agenten herzuziehen, über schwache Bücher und schlechtes Deutsch zu klagen, über unwissende Lektoren und Verleger zu spotten.

Nebenbei erklärt er seinem jungen Kollegen, wie er den passenden Verlag finden und den richtigen Klappentext formulieren könnte, er schärft ihm ein, dass er unbedingt das Rückporto beilegen sollte, sonst bekäme er sowieso nie eine Antwort auf seine unaufgefordert eingesendeten Manuskripte. Vor allem aber solle er die Verrisse der Kritiker nicht persönlich nehmen, aber die Kritik darauf abklopfen, ob sie nicht einen brauchbaren Gedanken enthalten könnte. Das wiederum muss Enzensberger bestimmt nicht mehr, denn er schwebt längst in eigenen literarischen Sphären und überrascht uns immer wieder mit Büchern, an denen wir uns abarbeiten und erfreuen dürfen.