Kultur

Carmen Würth Forum Jubel für Patricia Kopatchinskaja und die Würth Philharmoniker / Konzertgäste fasziniert

„Kunst ist Feuer, nicht Asche“

Ist es ihre unfassbar akrobatische Fingerfertigkeit? Ist es ihre wild dynamische Bogenführung? Sind es die impulsiven Stampfer ihrer Füße, die einem Werk, das streckenweise lediglich einer Motivsammlung gleicht, einen inneren Rhythmus abtrotzen? Es ist alles zusammen! Und mehr.

Erfrischend jugendlich

Frappierende Natürlichkeit und erfrischende Jugendlichkeit zaubert Patricia Kopatchinskaja zum Saisonauftakt auf die Bühne im Carmen Würth Forum in Gaisbach. Schubert und Schönberg stehen auf dem Programm. Begleitet von den Würth Philharmonikern unter Heinz Holliger wird der schwungvolle Start in die zweite Spielzeit der Würth Philharmoniker zu einem sehr besonderen Ereignis.

„Wer die Musik liebt, kann nie ganz unglücklich werden“ – das Schubertzitat gibt die Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur der Würth-Gruppe Sylvia C. Weber dem Publikum bei der Begrüßung, quasi als Digestif mit auf den Weg. Ein guter Wegweiser, denn Franz Schubert, ein Frühvollendeter, dessen Werk seinerzeit von den meisten Zeitgenossen verkannt wurde, ist durchsetzt von visionären Gedanken, die – musikalisch expressionistisch wie minimalistisch – den Romantiker hinter sich lassen und letztlich bahnbrechende Wirkung im 20. Jahrhundert haben und zukunftsweisend bleiben.

Flankiert von Schuberts Ouvertüre der „Zauberharfe“ D644 – eine anregende Vorspeise – schwelgt das Orchester mit melodischer Lust und beethovenscher Wucht in Kontrasten. Seine mit optimistischem D-Dur versüßte Sinfonie Nr. 3 D 200 ist ein gehaltvoller Nachtisch. Dank des Digestifs kommt auch der Hauptgang, das Violinkonzert op. 36 des Zwölftöners Arnold Schönberg, nicht als schwerverdauliches Klangamalgam daher.

Einen wesentlichen kompositorischen Anreiz bildete für den Komponisten die vermeintliche Unvereinbarkeit zwischen dem Anspruch an eine dicht gefügte, polyphone Satztechnik und den traditionellen Zugeständnissen an die wirkungsvoll-brillante Virtuosität des Soloparts. Die knirschende Strenge, die dieses Werk auszeichnet, scheint sich bisweilen gegen das Instrument und seine Spielbarkeit zu richten. Das dichte thematische Geflecht scheut nicht vor extremen Härten zurück, die sich mitunter der puren Geräuschhaftigkeit nähern und technisch schier Unmögliches vom Interpreten fordern. Schönberg selbst sprach von einem zusätzlichen Finger, den der Geiger brauche.

„Wahnsinn, unspielbar! Wenn das im Radio käme, würde ich abschalten. Aber wenn ich sehe, wie die Kopatchinskaja spielt, bin ich fasziniert“, so und ähnlich äußern sich Konzertgäste, die unter anderem aus Frankfurt angereist sind. In Moldawien geboren und aufgewachsen, kam Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, mit zwölf Jahren nach Wien, wo sie unter anderem bei David Oistrach studierte.

„Wir trauen uns nichts“

Sie gilt als mutigste Violinistin der Gegenwart. Dissonanzen sind ihr lieber als schöne Harmonien: „Wir trauen uns nichts. Seit dem Zweiten Weltkrieg wollen wir es gemütlich haben. Konzertsäle sind Tempel, dabei sollten sie Laboratorien sein, Spielplätze, theatralische, politische, entspanntere Orte. Stattdessen haben wir ein Ghetto geschaffen, mit lackierter, toter Musik. Wir präsentieren Mumien. Aber Kunst ist Feuer, nicht Asche“, findet die vitale Kämpferin für einen neuen Interpretations-Stil. Tief saugt sie den Luftstrom vor jeder Phrase ein. Lagenwechsel bis in höchste Töne auf tiefen Saiten ziehen den Zuschauer in Bann.

Als sei sie die grüne Lunge einer pulsierenden, klirrenden Klanglandschaft, die der große Klangkörper plastisch modelliert, wirken bei ihr selbst extreme Töne nicht aggressiv, sondern elastisch, geschmeidig, warm und rund.

Sie dreht sich zu den Musikern, um im Bad der Klänge ihren Ton aufzunehmen. Sie wirft dem Konzertmeister einen auffordernden Blick für den Einsatz zu.

Schließlich fliegt der Bogen in die Höhe, sie springt mit, segelt für eine Sekunde wie die Enkelin von Mary Poppins durch die Luft. Weltweit bekannt ist auch Heinz Holliger, Jahrgang 1939. Zunächst als ausgezeichneter Oboist, feiert er auch als Komponist und Dirigent Erfolge. Federnd leicht ist das Dirigat des Schweizers, dessen gestisch-körperlicher Einsatz durch Effizienz überzeugt.

Furioses Duett

Als der Beifall nach der Tour de Force nicht abebbt, wendet er sich schmunzelnd zum Publikum: „Wir spielen nicht nur Schönes am Berg, sondern auch Schönes von Mozart“. Das Andante cantabile aus Mozarts Violinkonzert Nr. 4 D-Dur KV 218, wie das furiose Duett der Solistin mit dem Konzertmeister in Bela Bartoks „Pizzicato“ als zweite Zugabe, sind ist Balsam für die Seele.