Kultur

Kunsthalle zeigt Callot, Meister des Kupferstichs

Der Name hat auch nach rund 400 Jahren noch Klang: Jacques Callot (1592-1635). Ein Straßenschild in Paris weist ihn als „französischen Maler und Stecher“ (graveur) aus, aber er hat kein einziges Gemälde hinterlassen - vielmehr waren es Maler, die seine Radierungen gelegentlich mit Pinsel und Farbe nachschöpften, wodurch die Nachwelt manchmal durcheinander kam. Callot, eine Ikone der Radierkunst mit einer Verbreitung, die ihresgleichen sucht, ist in fast allen großen Museumssammlungen vertreten, aber dass auch die Mannheimer Kunsthalle mehr als 500 Blätter aus dem Nachlass von Carl Theodors Geheimsekretär Anton von Klein (1746-1819) besitzt, wussten bisher wohl nur intime Kenner.

Grafikkurator Thomas Köllhofer stellt jetzt erstmals rund 100 Callot-Radierungen im Grafikkabinett des Billing-Baus aus, und anstelle eines Katalogs gibt es ein Zwanzig-Minuten-Video mit einer Einführung in Callots Werke. Nicht nur Themen wie Krieg, höfische Feste oder Theaterszenen der commedia dell’ arte waren seinerzeit ungewöhnlich, sondern auch Callots grafische Techniken, zu denen ein selbst entwickelter härterer Firnis gehört, der mehrfache Ätzvorgänge erlaubte, oder die Verwendung einer „échoppe“, einer Radiernadel mit ovalem Ende, mit der sich an- und abschwellende Linien ziehen ließen.

Figurenreiche Panoramaszenen

Vor allem wegen seiner stupenden handwerklichen Meisterschaft erwarb er schon zu Lebzeiten Ruhm. Callot beherrschte sowohl die großen figurenreichen Panoramaszenen - in den vier Platten der „Belagerung von La Rochelle“ von 1631 wurden rund 20 000 Figuren gezählt - als auch die Einzeldarstellung von Personen. Bei diesen fügte er im Hintergrund oft noch winzigste Szenen mit weiteren inhaltlichen Bezügen hinzu. Ein solches Können ist wohl nur zu erklären durch Callots frühe Ausbildung als Goldschmied, aber die sicherlich unter der Lupe geschaffenen Details hinderten ihn nicht am großen, übergreifenden Konzept. Die erwähnte Rochelle-Belagerung oder die Belagerung von Breda sind fast aus der Perspektive eines Kartographen, jedenfalls aus der eines militärischen Strategen konzipiert: von oben mit weitreichendem Landschaftsüberblick. Aber auch ein spätes Blatt wie die „Versuchung des Heiligen Antonius“ (1634) ist alles gleichzeitig: heranbrausender, überwältigender Alptraum und endlose Fülle erschreckender Details.

Was heute aber vor allem fasziniert und Callots überaus fleißiges, in nur rund zwei Jahrzehnten entstandenes Lebenswerk fast modern erscheinen lässt, ist sein thematisches Konzept. Wie ein nüchterner Chronist hält er fest, was er sieht und was die jeweils aktuelle Realität ist.

Emotionale Beteiligung erlaubt er sich wohl nur im Ehrgeiz, das eigene Können auszuloten, insofern greift er auch stets Themen von öffentlichem, niemals privatem Interesse auf: Außer den gelegentlichen religiösen Darstellungen sind es vor allem Kriegszenen (die Serie „Die Schrecken des Krieges“ beeinflusste noch zwei Jahrhunderte später Francisco Goya sowie im 20. Jahrhundert Otto Dix), höfische Feste mit ihren fantasievollen Schaueffekten, Theaterszenen der commedia dell’arte, dann aber auch Einzeldarstellungen von Landsknechten, Bettlern, Handwerkern, Händlern - alles, was den Anblick der Öffentlichkeit prägte.

Ins Umfeld der grotesken Theaterszenen gehören womöglich auch die „Gobbi“, die karikaturenhaft überzeichneten buckligen Zwerge als Teil der mitunter bizarren höfischen Kultur, zu der ebenso das Theater gehörte. Mit den szenischen Errungenschaften der Zeit war Callot offensichtlich intim vertraut. Aufgebrochene Zentralperspektive, Lichteffekte mit der Suggestion, hinter der Ecke eines Palast-Innenraums ginge es noch weiter, die Kunst der Maschinerie, Figuren von oben herab „fliegen“ zu lassen … manches scheint die überbordende Dekorationsfülle der Familie Galli-Bibiena im folgenden Jahrhundert vorweg zu nehmen. Was die konkreten Aufführungen der commedia dell’ arte am Hofe der Medici in Florenz betrifft, wo Callot von 1614 bis 1621 arbeitete, bevor er in seine lothringische Heimat Nancy zurückging, da müssen die Theaterhistoriker wohl noch mal heran, ebenso wie an die historischen Zusammenhänge mit den Festszenen, die im weiteren Sinn Teil der Theatergeschichte sind. Über Callot ist trotz der weitreichenden Präsenz seines Werks das letzte Wort noch nicht geschrieben.

Zu der neuen Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle

„Callot. Graphische Monumente“ in der Kunsthalle Mannheim, Grafikkabinett im Billing-Bau, kuratiert von Thomas Köllhofer, 14. September bis 25. November, Di bis So 10-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr. Zu sehen sind 100 Blätter aus dem Bestand des Hauses. Kein Katalog.

Die Kunsthalle besitzt von Jacques Callot mit rund 500 Radierungen ein Drittel seines Gesamtwerks. Der Bestand geht zurück auf die Sammlungen von Carl Theodors Hofrat Anton von Klein (1746-1810). Callot kam 1592 im lothringischen Nancy zur Welt und starb dort mit nur 43 Jahren, nachdem er sieben Jahre am Hof Cosimo de’ Medicis in Florenz gearbeitet hatte. Durch zeitgenössische Sammler, aber vor allem durch seine Arbeit für Fürstenhöfe in Frankreich, Spanien und den Niederlanden fand das Werk Callots schon zu Lebzeiten große Verbreitung. Es inspirierte aber auch später noch Künstler wie E.T.A. Hoffmann, Francisco Goya und Otto Dix, sowie Komponisten wie Robert Schumann und Maurice Ravel.