Kultur

Literatur Schauspieler David Bennent liest Tschechow

Kuriose Erzählungen zum Schluss

Archivartikel

Die künstlerische Direktorin der Nibelungenfestspiele, Petra Simon, ist mit der Begrüßung des Publikums noch gar nicht fertig, da stolpert der Mann schon an ihr vorbei auf die Bühne. Er entzündet ein paar Kerzen auf einer Art Altar für Anton Tschechow, nimmt die Wollmütze ab, schnäuzt sich darin die Nase und wirft sie dann unwirsch zu Boden. David Bennent zelebriert die Lesung, inszeniert sie mit großem mimischem Einsatz und wechselnden Positionen auf der Festhausbühne, beschert den Zuschauern damit einen vergnüglichen Abend zum Abschluss des Rahmenprogramms der Festspiele.

Ähnlich intensiv wie in „Glut“

Es ist mittlerweile üblich in Worms, dass einstige Mitglieder des Ensembles in den Folgejahren mit einem Soloprogramm zurück in die Nibelungenstadt kommen. „Blechtrommel“-Hauptdarsteller Bennent spielte 2017 in Albert Ostermeiers Festspielstück „Glut“ den französischen Waffenhändler Rimbaud. Und mit der gleichen Intensität geht er nun seine Tschechow-Lesung an. Sein ganzes Gesicht ist in Bewegung, wenn er den ironischen Kurzgeschichten des russischen Schriftstellers Leben einhaucht.

Um die Spannung des Abends hochzuhalten, will er keinen Zwischenapplaus, auch keine ausufernden Gefühlsregungen. Das will er erst nach den gut 90 Minuten entgegennehmen. Gleichwohl hat das Publikum seinen Spaß mit kuriosen Liebeserklärungen auf dem Schlitten, unvermittelt auftauchenden Särgen nach dem Besuch einer spiritistischen Sitzung oder dem Gespräch eines Betrunkenen mit einem nüchternen Teufel, der Geschichte, die dem Abend den Titel gibt. Schließlich gilt Tschwechow als Schriftsteller, der die moderne Kurzgeschichte maßgeblich mitgeprägt hat.

Jede Geschichte bekommt ihre eigene Position auf der Festhausbühne. Mal steht Bennent auf dem Tisch, mal sitzt er dahinter, rechts und links davon oder auch auf ihm. Die vielen russischen Namen in den Texten, wahre Stolpersteine für die Zunge, meistert der Schauspieler großartig. Gleichwohl muss sich der Zuhörer erst hineinhören in die Melodie der Tschchow’schen Sprache, vorgetragen in Bennents Stimmfarbe. Am Schluss schließlich applaudiert das Publikum herzlich. Und findet auch das Gespräch mit dem Schauspieler – am Stand des Kinderhilfswerks Terre des Hommes, das Bennent seit Anfang des Jahres als Botschafter unterstützt.

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