Kultur

Festival Oberammergau bereitet sich auf seine weltberühmten Passionsspiele vor / Nur alle zehn Jahre wird das biblische Laienspiel aufgeführt

Lange Bärte und tägliche Proben

Archivartikel

In Oberammergau sieht man es auf den Straßen: Es geht auf die berühmten Passionsspiele zu. Dichte Bärte und lange Haare dominieren das Bild. Fast die Hälfte der gut 5000 Einwohner wird vom 16. Mai 2020 an auf der riesigen Freilichtbühne stehen, um der Tradition folgend das jahrhundertealte Schauspiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu zu zeigen. Seit Aschermittwoch, so will es die Tradition, dürfen sie sich die Haare nicht mehr schneiden lassen: Es gilt der Haar- und Barterlass.

Mit dem Probenstart Anfang Dezember hat die heiße Phase der Vorbereitungen begonnen. Jeden Tag treffen sich die Hauptdarsteller – alle 21 Hauptrollen sind doppelt besetzt – zum Proben. Chor und Orchester proben schon länger. Auf der Bühne wird derzeit geschraubt und verputzt, in der Schneiderei rattern die Nähmaschinen. An die 2500 Kostüme werden gebraucht.

Zeitlos aktuelle Handlung

Noch stärker als bei früheren Passionsspielen will Spielleiter Christian Stückl dieses Mal die Lebensgeschichte von Jesus in den Vordergrund rücken, mit der Frage: „Wie passt dieser Jesus in unsere Zeit?“ Flucht und Vertreibung, aber auch die Auseinandersetzung mit Arm und Reich, die Jesus betreibe: Das alles seien sehr aktuelle Themen, und genau darüber müsse gesprochen werden.

Ein größeres Gewicht als bisher will Stückl auch dem Volk geben. Nicht zuletzt bei den sogenannten lebenden Bildern zeigen Szenen die Flucht der aus ihrem Land vertriebenen Israeliten mit ihrer Sehnsucht nach Befreiung. Das sei „ganz deutlich im Hier und Jetzt“, sagte Kostüm- und Bühnenbildner Stefan Hageneier bei der Vorstellung der Bühne im November.

Die Passionsspiele gehen auf ein Pestgelübde zurück. 1633 hatten die Oberammergauer versprochen, alle zehn Jahre die Geschichte aufzuführen, wenn niemand mehr an der Pest sterbe. Zum ersten Mal wird bei der Passion 2020 der Bogen zu dieser Geschichte geschlagen: Der Chor wird in Gewändern aus der Zeit des Gelübdes auftreten.

Erneut hat sich der 58-jährige Stückl für seine Arbeit am Text auch mit Vertretern des Judentums zusammengesetzt; zur Vorbereitung reiste er mit den Hauptdarstellern nach Israel. Lange haftete den Passionsspielen der Vorwurf des Antisemitismus an. Stückl, der die Passion zum vierten Mal inszeniert, hatte von Anfang an intensiv daran gearbeitet, dies zu ändern. Stückl hat in drei Jahrzehnten als Spielleiter viel verändert. Auch verheiratete Frauen dürfen heute die Maria spielen – bis 1990 ein absolutes Tabu. Gleich in Stückls erster Passion bekam ein Protestant eine Hauptrolle, und auch für 2020 setze er mit seiner Spielerauswahl ein Zeichen: Erstmals haben zwei Oberammergauer muslimischen Glaubens Hauptrollen. „Es ist keine Provokation“, räumte Stückl im Oktober 2018 bei der Vorstellung der Spieler ein.

Alle zehn Jahre passt Stückl den Text neu an. Mit Spannung wird erwartet, wie er den Sohn Gottes dieses Mal zeigt. Die erste Kreuzigungsprobe hat Darsteller Rochus Rückel schon bestanden. Im lila Klettergurt hing der 23-jährige Student am Kreuz. Die Probe diente zum Maßnehmen für die Fixierung von Handgelenken und Füßen, denn Jesus steht am Kreuz auf kleinen Trittbrettern. „Dieses Mal hatte ich ja noch meine normale Kleidung an, aber wenn man dann fast nackt vor fast 5000 Zuschauern am Kreuz hängt, ist das mit Sicherheit noch mal ganz anders“, sagte er. Rund 50 Mal wird Rückel während der Spiele bis Oktober 2020 am Kreuz hängen, die Hälfte aller Vorstellungen.

Sein Jesus-Kollege Frederik Mayet, der die andere Hälfte übernimmt, muss noch vermessen werden. Der 39-Jährige spielt Jesus zum zweiten Mal. Kurzzeitig gab es Debatten, ob es zeitgemäß ist, dass Jesus auf einem Esel nach Jerusalem einzieht. Das sei tierschutzwidrig, hatte die Organisation Peta argumentiert und als Ersatz einen E-Tretroller vorgeschlagen. Das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen stellte aber klar, dass seine Veterinäre grundsätzlich keine Einwände gegen den Ritt auf dem Esel haben.

Die Kosten für die Passion liegen bei 43 Millionen Euro. Davon fließen rund 7 Millionen Euro in die Inszenierung. Um die Finanzen muss sich Oberammergau derzeit keine Sorgen machen: 90 Prozent der Karten für 30 bis 180 Euro sind verkauft – schon bei 60 Prozent wären die Kosten gedeckt. Die Passionsspiele werden nach Aussagen der Geschäftsleitung voraussichtlich rund 70 Millionen Euro einspielen – und dem Ort somit wohl Gewinne in Millionenhöhe bescheren. dpa

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