Kultur

Festival des deutschen Films In „Stillstehen“ lernt Julie, sich zu bewegen – und in „Now or Never“ erinnert sich Henry daran, dass er einmal glücklich war

Leben ist auch, was du draus machst

Archivartikel

Julie trägt gelbe Putzhandschuhe. Immer. Auch beim Sex mit dem Typen im Nikolauskostüm. Dann zündet sie mit der „Kippe danach“ sein Auto an – und ruft ihren Psychiater (Martin Wuttke) an. Das macht sie immer, wenn sie keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen will. Auch deswegen trägt sie die Handschuhe: Damit die Leute sofort sehen, dass sie bekloppt ist.

Das sehr sehenswerte Werk „Stillstehen“ läuft beim Festival des deutschen Films in der Reihe „eigenwillig erzählt“ – und versammelt dabei ebensolche Charaktere. In der Psychiatrie lernt Julie Agnes kennen: eine gestresste, verunsicherte Krankenschwester, der es nicht gelingt, eine Beziehung zu ihrer kleinen Tochter aufzubauen. Die junge Frau, die bislang immer das gemacht hat, was andere von ihr erwarteten, ist fasziniert von der völlig unangepassten Julie.

Mit Natalia Belitski und Luisa-Céline Gaffron stehen zwei gänzlich unterschiedliche, jede auf ihre Art einnehmende Schauspielerinnen an der Spitze eines grandios-skurrilen Ensembles. Komödie? Tragödie? Regisseurin Elisa Mishtos Spielfilmdebüt lässt sich in keine Schublade stecken. In warmen Bildern und zu auffällig guter Indie-Musik lernt Julie, dass man sich, um stillzustehen, erst einmal bewegen muss.

Was sich bewegen, was leben heißt, das muss auch Henry erst wieder lernen: In „Now or Never“, das in der Reihe „stilbewusst erzählt“ läuft. Der Sterbehelfer ist schlecht gelaunt, rücksichtslos, oft zynisch. Bis eine junge Frau, die sterben muss, sein Leben gewaltig durcheinanderbringt. Rebecca will „noch einmal die Ferkel“ füttern – und entführt ihren „Henker“ auf einen kuriosen Roadtrip durch die Schweiz. Ein ungleiches Duo, verfolgt vom anderen: Henrys Ex-bester Freund und Rebeccas Mann, der die Sterbehilfe verhindern will, fahren ihnen nach.

Spannend ist, wenn Regisseur Gerd Schneider die vier abwechselnd ihre Perspektive erzählen lässt – und so ein Bild der Vergangenheit entsteht. Beeindruckend sind zweifelsfrei die Aufnahmen aus den Schweizer Bergen. Doch berührt einen das Werk nicht so sehr, wie es bei diesem Thema könnte: Dafür sind die Protagonisten zu eindimensional: Henry (extrem gut besetzt mit Michael Pink) zu harsch, Rebecca (Tinka Fürst) zu aufgedreht. Dafür ist die Geschichte zu vorhersehbar und – vor allem dank mehrerer Elvis-Imitatoren – auch zu albern.

Was dem Film jedoch eindrucksvoll gelingt: einen daran zu erinnern, seine Zeit zu nutzen. „Du hast keine Angst vorm Sterben“, sagt Henry zu Rebecca. „Du hast Angst davor, nie gelebt zu haben.“

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