Kultur

Burgfestspiele Freudenberg „Die Päpstin“ feierte am Samstag erfolgreiche Premiere / Sechs weitere Aufführungen

Lebendig und sehr ausdrucksstark

Archivartikel

Eigentlich werden auf der Freudenburg ja Stücke gespielt, die eigens für diese Freilichtbühne geschrieben wurden und einen lokalen, zumindest regionalen, Bezug aufweisen. Eigentlich. Aber nicht immer. Diesmal gar nicht. „Die Päpstin“, die am Samstagabend Premiere feierte, kann man beim besten Willen nicht in dem Städtchen am Main verorten. Und auch nicht in der Nähe.

Der Stoff ist einigermaßen, um nicht zu sagen sattsam, bekannt. Es gibt ihn als Roman, als Film, als Musical gar. Von der, vom Vater nicht einfach nur ungeliebten, sondern verachteten, Tochter des Dorfpriesters zum Papst in Rom – das ist die Geschichte von Johanna oder „Johannes Anglicus“.

Es passt auf die Freudenburg

Denn als Frau ist es ein Ding der Unmöglichkeit, den Stuhl Petri in Rom zu erklimmen. Im Mittelalter ebenso wie im 21. Jahrhundert. Also: „Sich als Frau verleugnen, um sich selbst zu verwirklichen“, wie es im Programmheft zusammengefasst wird. Immerhin: Boris Wagner, der nun zum dritten Mal bei den Burgfestspielen inszenierte, hat das auf dem Bestsellerroman von Donna Woolfolk Cross basierende Schauspiel von Susanne Felicitas Woll so bearbeitet, dass es für die und auf die Freudenburg „passt“. Und für ihn und sein Ensemble auch, mag man augenzwinkernd hinzufügen.

Das – und da bleibt man eisern und zum Glück der Tradition verhaftet – besteht ausschließlich aus Laiendarstellern. Von denen viele absolut nicht laienhaft darstellen. Sondern lebendig, ausdrucksstark, energiegeladen, gefühlvoll.

Gut, manchen merkt man an, dass sie nicht täglich auf den Brettern stehen, die angeblich die Welt bedeuten. Aber auch sie spielen sich im Verlauf von zweieinhalb Stunden frei und manchmal ist es gerade die (scheinbare?) Unbeholfenheit, (zumindest anfängliche) Befangenheit, die Charme entwickelt. Marvin Luh etwa, Neuling auf der Freudenberger Bühne, der den Markgrafen Gerold gibt, anfänglich nur Förderer, später Freund, noch später Liebhaber von Johanna, der nachmaligen „Päpstin“.

Er ist von einer gewissen Sanftmut beseelt, darin erinnernd an Simon Schuster, den „Adam Lux“ von vor zwei Jahren. Man mag die beiden, Figuren wie Personen, unter dem Rubrum „der neue Mann“ einordnen. Taliko Hofmann könnte auch einmal dazu passen.

Glücksgriffe

Ganz im Gegensatz dazu steht Detlef Scheiber, gerade in seiner Rolle als fanatischer Dorfpriester, engstirniger Fundamentalist von erschreckender Brutalität, die alle zu spüren bekommen, die weiblichen Geschlechts sind. Seine Frau und seine Tochter. Womit wir bei Johanna wären, deren Besetzungen sich als Glücksgriffe erweisen.

Denn die Lebensstationen des Mädchens aus Ingelheim werden wie in einem Bilderbogen aufgeblättert.

Von der Wiege bis zur Bahre. Wir sehen Esther Hoff als kindliche, ihre Schwester Nina als jugendliche Johanna.

Die beiden haben sich einen Sonderapplaus verdient, den sie, nicht erst am Ende, auch bekommen. Wie Eva Bauer schließlich, die Erwachsene. Oder besser „der Erwachsene“? Denn da ist aus Johanna schon Johannes geworden.

„Johannes Anglicus“, genialer Arzt, der scheinbar Wunder vollbringen kann. Erst im Kloster, dann sogar im Vatikan, an Papst Sergius, den er/sie erst heilt, und dem sie/er dann nachfolgt. Die Geschichte geht – natürlich – nicht gut aus. Man kennt das ja. Das Zentrum der Kirche, oft der Hölle näher als dem Himmel. Männerwirtschaft, Intrigen, Verrat. Und dann auch noch die Liebe. Das kann nicht gut ausgehen.

Die Burgfestspiele in Freudenberg sind bekannt dafür, sich nicht der leichtesten Sujets anzunehmen. Das ist ihr Qualitätsmerkmal, manchmal aber auch die Crux. Die Menschheit will schließlich unterhalten werden.

Opulente Inszenierung

Und siehe da – das gelingt dem Regisseur und dem Ensemble, bei aller Ernsthaftigkeit des Themas.

Es ist eine, das Wort fällt an diesem Abend häufiger, opulente Inszenierung. Mit einem nahezu genialen Bühnenbild.

Mit einfachen und doch aufwändigen Kostümen. Mit schönen, manchmal wie zufällig hingetupften Szenen. Nein, der erste Auftritt des Projektchores ist damit nicht gemeint. Der war „eiskalt“ geplant. Ist Stimmungsmacher, Wellenbrecher.

Das Publikum klatscht sogar mit, wenn die Frauen und Männer das Sauflied „Ein Mönch kam vor ein Nonnenkloster mit seinem langen Paternoster“ intonieren.

Nicht entscheidend geschmälert wird der gute Gesamteindruck dadurch, dass man auch die eine oder andere Länge im Stück konstatieren muss. Gerade im Kloster dehnt es sich ein bisschen, wird die ansonsten durchaus spürbare Dynamik etwas ausgebremst. Alles in allem aber ist die Premiere von „Die Päpstin“ auf der Freudenburg ein schöner Erfolg geworden.