Kultur

Jazz Henning Sieverts’ Symmethree im Ella & Louis

Lebendiges mit strengen Regeln

Archivartikel

Kaum zu glauben, was es beim Besuch eines Jazzkonzertes alles zu lernen gibt. Wörter wie „Reliefpfeiler“ zum Beispiel: Wird es von hinten her gelesen, kommt genau das Gleiche heraus wie von vorne. Das Wort ist also spiegelverkehrt symmetrisch. Und dies wiederum ist die (fast möchte man sagen: fixe) Idee hinter dem Jazztrio Symmethree.

Bloß wird dort, wie Frontmann Henning Sieverts in einer Bühnenansage erläutert, das Spiegel-Prinzip auf musikalische Notentexte übertragen. Am leichtesten erkennbar ist es in seiner als Zugabe gespielten Komposition „Aerea“: Sie beginnt mit einem gebrochenen Dreiklang, der zuerst nach oben, von hier aus dann nach unten gerichtet ist, wodurch die Melodie also pendelt.

Nur schwarze Tasten genutzt

Auch sonst lässt sich Sieverts in seinen Stücken von originell ausgetüftelten Ideen leiten. Da wird etwa der Jazz-Standard „All The Things You Are“ kombiniert mit der Tonfolge b-a-c-h des alten Johann Sebastian. Eine andere Komposition besteht im ersten Teil nur aus Tönen der weißen Tasten des Klaviers, im zweiten aus denen der schwarzen; Titel des Stücks: „Full Moon – New Moon“.

So weit die Theorie, auf die jeweils die Praxis folgt, das heißt die jazzmäßige Improvisation. Und dabei erweist sich Henning Sieverts vielleicht am Cello, auf seinem Hauptinstrument Kontrabass dagegen überhaupt nicht als versponnener Kauz. Mit Wucht reißt er die Saiten an, da wird nicht gezirpt, sondern volltönend zugelangt, und auch im gelegentlichen Mitsummen der Töne verrät der Bassist aus München sein Temperament.

Um weniges cooler nur rückt Ronny Graupe aus Berlin der Gitarre zu Leibe, verbeißt sich regelrecht in die Konstruktion komplexer Ton-Türme, scheint sich aber ebenso wohlzufühlen bei Bossa-Nova-artig swingenden Begleitakkorden für seine Kollegen. Eine Klasse für sich ist als Dritter im Bunde Posaunist Nils Wogram, in der Schweiz wohnender Norddeutscher. Versiert in allen Spieltechniken des Instruments, setzt er sie nach eigenem Gusto des Augenblicks ein; den Dämpfer zum Beispiel gerade nicht in einem dafür gedachten Stück. Bandleader Sieverts zeigt sich überrascht und ist zugleich erfreut über derlei Unvorhersehbares. Davon lebt der Jazz. swm